Die Mörder sind unter uns, immer noch. Sie organisieren sich heimlich, verschaffen sich Alibis und Absolution, liquidieren erbarmungslos alte Zeugen und neue Ankläger. An der Elbe und an der Donau hat der faschistische Untergrund schon Justiz und Polizei unterwandert, auch im Bayerischen wühlt er mächtig. Und wenn sich die alten Nazis im Hamburger Bierdunst und auf Wiener Dächern versammeln, dann schnarren sie wieder kernige Phrasen, grimassieren und gestikulieren zackig und grüßen mit „Sieg Heil!“.

Zwei Filme, die jetzt bei uns anlaufen, ein italienischer Porno und ein britisch-deutscher Krimi, möbeln mit dieser nazistischen Horror-Staffage ihre kruden Geschichten auf. In Liliana Cavanis „Der Nachtportier“ begegnen sich zwölf Jahre nach dem Krieg der KZ-Scherge Max und sein Opfer und Spielzeug Lucia in einem Wiener Hotel wieder, fallen erneut im sadomasochistischen Sexualrausch übereinander her und werden von Max’ Genossen, die ihre Entdeckung befürchten, erschossen. In Ronald Neames Verfilmung des Bestsellers „Die Akte Odessa“ von Frederick Forsyth jagt ein Hamburger Illustriertenreporter mit Hilfe des israelischen Geheimdienstes und trotz zahlreicher Mordanschläge durch die „Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen“ (Odessa) den Hauptsturmführer Roschmann, der 80 000 Juden des Rigaer Gettos und den Vater des Journalisten auf dem Gewissen hat. Im Buch entkommt Roschmann nach Südamerika, im Film erschießt ihn der Reporter nach einem langen Disput über Schuld und Sühne.

Es sind zwei auf ganz verschiedene Weise dubiose und spekulative Filme. Handlungsführung, Dialoge und Psychologie. in der „Akte Odessa“ sind oberflächlich und dumm; Spott und Hohn der englischen Verrisse sind nur zu berechtigt. Forsyths fragwürdiges Kolportagerezept, eine exakte Recherche zu mischen mit dem „Stoff, aus dem die Träume sind“, durch echte Figuren und Ereignisse die Authentizität auch der fiktiven Passagen zu suggerieren, diese Methode setzt der Film noch unbekümmerter, vergröbernder fort. Hinzu kommt, daß Neame einfach ein schlechter Regisseur ist. Jon Voight gibt einen blassen, in nahezu jeder Szene unwahrscheinlichen Simmel-Helden ab, eine Anzahl prominenter deutscher Schauspieler karikiert die Alt- und Jungnazis wie im Schmierentheater, und Maximilian Schell, dessen halbe Filmographie unter dem Motto steht „Leidet für Deutschland“, wird von Buch und Regie zur unglaubwürdigen, im Grunde hanebüchenen SS-Knattercharge verdammt.

Disqualifiziert sich Neames Film von vornherein durch seine Machart, so geht Liliana Cavani zunächst einmal das lukrative Odium des Skandals voraus. Ihr Film ist „umstritten“: stürmisch gefeiert in Italien und Frankreich, eher verulkt in England, verärgert abgetan in den USA. Gegen das italienische Verbot des Films protestierte erfolgreich die gesamte Filmindustrie, allen voran die berühmten Regisseure von Antonioni und Bertolucci bis zu Pasolini und Visconti.

Dem Verzerrten Bild der Bundesrepublik bei Neame entspricht das von Wien im „Nachtportier“: ein Rattennest voller Debiler,. Perverser und Unentwegter, lauter Dekadenz in zerschlissenem Plüsch. Die erinnerten KZ-Szenen sind zu einem irrealen Psycho-Inferno in fahlen, nackten Färben stilisiert, ein schwüles Liedchen hier/und ein schwules Tänzchen dort evozieren eine Atmosphäre latent homosexueller, morbider, magischmystischer Verruchtheit, und von der unbezweifelbaren Faszination des Films (auch die Faszination einer gehörigen Portion Faschismus-Nostalgie) ist das meiste leider zusammengeklaut: „Der letzte Tango“ in Wien, „Emanuela“ in Dachau, „Die Verdammten“ und „Der Konformist“ im Opernhotel.

Während Dirk Bogarde als der müde Max seine Manierismen vom „Diener“ an aufwärts noch einmal repetiert, das spöttische oder bedrohliche Augenbrauengezucke, die glitschigen Bewegungen der Arme und des Oberkörpers, den starren, wäßrigen Blick, der immer moralische Verderbtheit und böse seelische Untiefen annonciert, geht man der animalisch-hypnotischen Ausstrahlung der Charlotte Rampling sicher auf den Leim: eine sinistre Satansgöttin mit magerem Körper und schweren Augenlidern, weich und unschuldig und zugleich sehr verworfen, voll Haß und Angst und Lust im Leiden, wenn sie aggressiv fordert und lasziv sich unterwirft. Sie hat ein Gesicht dabei, das man nur blöd anstarren kann. Nach dem „Nachtportier“ ist sie leider nur in nichtssagende Filmchen gerutscht.

Schlimm werden diese beiden Nicht-Nazi-Filme, wenn man sie an ihrem Anspruch mißt. Die Odessa gab es und den SS-Schergen Roschmann auch; Ängstlichkeit, Desinteresse und deutlicher Widerwille, bei der Ermittlung von Naziverbrechen sind oft genug bekanntgeworden. Wenn aber die Internationale der Nazis eine neue Welteroberung plant, den Arabern Raketen für den Kampf gegen Israel verkauft, auf offener Straße Leute umzubringen versucht, die ihr auf die Spur gekommen sind, wenn der Film diese Ex- und Neofaschisten zu groteskem Kaspertheater verzerrt, dann wird jeder Rest einer ernsthaften Auseinandersetzung ins Lächerliche, Unwirkliche abgebogen, wird bedenkenlos am Klischee der tumben, fiesen blonden Bestie weitergestrickt, die in Comics, Filmen und Fernsehserien unserer Nachbarländer zur Standardfigur wurde. An der Unangemessenheit der Mittel und des handwerklichen Könnens in Neames Film kommen auch die so pathetischen wie falschen Töne im Presseheft nicht vorbei.