Von Martin Walser

Dieses Buch bringt einen auf den Gedanken, daß man Prosa auch nach Lautstärke einteilen könnte: Es wäre dann das stillste, das ich kenne –

Walter Kappacher: „Morgen“, Roman; Verlag Alfred Winter, Salzburg, 1974; 126 S., 14,–DM.

So etwas von Zurückhaltung ist mir noch nicht begegnet. Ich muß ergänzen: von brutaler Zurückhaltung. Der Autor muß über eine Härte verfügen, die am liebsten den Eindruck völliger Unantastbarkeit machen würde. Er läßt uns überhaupt nicht erkennen, daß er damit Verletzlichkeit schützen möchte. Er läßt uns auch nicht ahnen, daß diese Unrührbarkeit ein Produkt von Erfahrungen sei. Das würde einen ja doch ein bißchen beruhigen.

Da werden etwa zehn Handlungsstränge angefangen und in kurzen Abschnitten weitergetrieben bis zum glücklichen Ende. Obwohl jeder dieser Handlungsstränge eigentlich im Sand verläuft oder schlecht ausgeht für den Helden, tut der Held am Ende das, was er von Anfang an will: kündigen. Er will weg von seiner Firma. Und zu keiner neuen Firma. Und daß er kündigen kann, das erkennt man dann doch als eine Möglichkeit, die er nur hat, weil alles mißlang. Hätte Otti ihn genommen, oder wenigstens die von Mai schwangere Betty, hätte er wirklich einen Kontakt zu Stefan oder einem der anderen „Freunde“, hätte es mit Gerda geklappt, wäre also irgend etwas geschehen, was ihn zufrieden gemacht hätte, dann hätte er nicht kündigen können. Aber es konnte nichts Zufriedenstellendes passieren. Das Buch erzählt in allen seinen Strängen nur diese Getrenntheit von allen, die dann in der Trennung von der Büroarbeit ihren genauesten und wichtigsten Ausdruck findet. Einer, der mit niemandem leben kann, kann auch mit niemandem arbeiten. Oder ist es umgekehrt?

Kann er mit niemandem leben, weil er keine Arbeit hat, die ihn sinnvoll mit anderen zusammenbringt? Das wäre beruhigender. Aber so ist es in diesem Buch nicht dargestellt. Man kriegt allmählich mit, daß niemand an ihm ein besonderes Interesse hat. Der Chef möchte ihn zwar sehr gern behalten, aber eben nur, um einen nützlichen und ausnutzbaren Mitarbeiter zu haben. In mehreren dieser kurzen Abschnitte wird ein Betriebsausflug erzählt. Die Kontaktveranstaltung des Arbeitsjahres. Winkler – einmal wird der Name genannt – will schon mitmachen. Er tanzt, will mitsingen, schließt sich sogar Autoausflogen an, will einer Gerda helfen, in ihrem Auto auf dem Autofriedhof noch etwas zu holen, geht zu Freunden zum Fernsehen, will zuerst Otti, dann wäre er auch mit Betty zufrieden, aber alles mißlingt auf eine höchst beiläufige Art. Er tritt in eine Glasscherbe, ein Abfahrtslauf im Fernsehen wird wegen Nebel abgesagt, Otti heiratet Andreas, Betty heiratet eben doch den Taxifahrer Max, von dem sie ihre Schwangerschaft hat. Alles mißlingt auf eine Art und Weise, daß man nicht sagen kann, es handle sich hier um einen, der Pech hat. Mir kommt es eher so vor, daß in dieser vollkommen stillen Erzählluft, in diesem unrührbar scheinenden Bewußtsein von Anfang an nur Versandungen zu erwarten sind. Es wäre grotesk, wenn hier etwas gelingen würde, außer der Kündigung.

Die simple Lebensmöglichkeit wird von einem schlichten zum nächsten schlichten Beispiel immer genauer vernichtet. Und das große Schöne an diesem Buch ist die Einfachheit aller Beispiele für die Unlebbarkeit dieses Lebens. Da muß einer nicht seine Frau im Rollstuhl erschießen, kein Fürst muß wahnsinnig werden. Hier greift der Vizebürgermeister auf dem Abort des Partygebers ins verstopfte Waschbecken, zieht seine mit schmutzigem Seifenschaum und Haaren bedeckte Hand heraus und teilt mit, daß der Abfluß verstopft sei, ein Handtuch ist nicht da, Winkler soll eins holen, aber es gelingt nicht. Ob Tod und Beerdigung des Vaters oder Besuch bei Freunden, die Tarock spielen, bis die Übertragung anfängt, der Ton kennt keine Unterschiede. Ein völlig unerregbarer Ton. Ein völlig unbemühter Ton. Nie stolz auf sich. Nie im Vertrauen auf sich. Nie in Eile. Nie behäbig. Nie auffallend. Nein, das stimmt wieder nicht. Das fällt natürlich doch von Seite zu Seite mehr auf, wie eindringlich diese totale Beiläufigkeit wird. Ich begann, Walter Kappacher zu bewundern. Wie richtig ist dieses Erzählen mit Hilfe von zehn zerhackten Strängen! Eben des eisig durchgehaltenen Gleichmuts-Tons wegen. Durch den andauernden Wechsel des Strangs wird der gleichbleibende Unbeteiligtheitston um so spannender.