Italiens notleidende Fremdenverkehrswirtschaft hofft auf das Heilige Jahr

Seit zwei Jahren ruht nun schon kein rechter Segen auf dem Geschäft: Immer seltener begaben sich Ausländer auf den Trip unter die südliche Sonne, immer häufiger blieben auch im Urlaub die Einheimischen in den eigenen vier Wänden. Doch neuerdings verbreitet sich in Italiens krisengeplagter Touristikindustrie wieder zage Zuversicht: Das Heilige Jahr 1975, so meint die Branche, müßte eigentlich wenigstens teilweise die vergangenen Ausfälle wieder wettmachen.

Die sechs Millionen Pilger, die Rom und Italien in diesem Jahr erwarten, werden in der Tat nicht nur Vergebung für ihre Sünden begehren. Sie werden wohl, so kalkulieren die italienischen Hoteliers und Gastwirte, auch rund eine Milliarde Dollar an Devisen im Lande lassen. Freilich nicht nur für Speis und Trank: An den Knotenpunkten der erwarteten Pilgerströme halten bereits jetzt fliegende Händler Devotionalien- und Andenkenstände mit heiligenKrawatten und goldverzierten Pilgertaschen, Petersdomen en miniature und Kolosseen mit Batteriebetrieb bereit. Und für Rom-Wallfahrer, die sich die Weiterreise nach Venedig oder Pisa sparen wollen, haben sie selbstverständlich auch eine beleuchtete Gondel oder einen schiefen Turm der Marke Tinnef in Reserve.

Bis in die Kassen der heiligen Stadt, dem mit riesigen Schulden beladenen ewigen Rom, wird sich dieser finanzielle Segen indes kaum ergießen. Die Schulden sind inzwischen so hoch, daß die Gemeinde nur noch mit Mühe Kredite auftreiben kann, um damit wenigstens die Zinsen zu bezahlen. Auf Roms drei Millionen Bürgern wird daher auch in Zukunft die höchste Pro-Kopf-Verschuldung einer europäischen Gemeinde lasten bleiben. Deshalb kann die Stadt im Gegensatz zu früheren Jubiläen auch keine Verbesserung der Infrastruktur bieten: Lediglich einige Ausflugsbusse, die auch nach dem Heiligen Jahr noch zu verwenden sind, wurden für Pilgertransporte angekauft.

Wenn Roms Stadtväter dennoch bereits seit der Neujahrsgratulation 1973 im Vatikan darauf hofften, daß der zunächst zögernde Papst der Stadt und Italien ein gnaden- und devisenreiches Heiliges Jahr gewähre, dann geschah das vor allem aus sozialen Überlegungen. Denn Rom hat keine Industrie. Nur eine wuchernde Bürokratie, Bauwirtschaft und der Fremdenverkehr stützen den Wirtschaftskreislauf der Stadt, die in der Nachkriegszeit von 1,5 auf 3,5 Millionen Einwohner gewachsen ist. Rund eine Million Römer, zumeist in den illegal emporgeschossenen Stadtvierteln oder sogar in Baracken wohnend, müssen deshalb mit Dienstleistungsjobs ihr Brot verdienen. Begehrter Zeitarbeitsjob gerade im Heiligen Jahr: der Andenkenverkauf, der – vorsichtig kalkuliert – ein Fünftel der Pilgerausgaben auf sich ziehen wird.

Die italienische Devotionalien- und Andenkenindustrie braucht nicht nach Lourdes oder Mekka zu pilgern, um zu lernen, wie man frommen Touristen das Geld aus der Tasche holt. Denn sie hat im eigenen Lande den heiligen Antonius von Padua, den heiligen Franz von Assisi und Dutzende von anderen Männern und Frauen, die in ihrem Leben nie daran gedacht hätten, daß sich ihr gottgefälliges Erdendasein so segensreich auf den Umsatz geschäftstüchtiger Hersteller und Verkäufer von Gipsfiguren und bunten Bildchen auswirken könnte.

So gibt es in Italien knapp 2500 Wallfahrtsorte, darunter allein 1212 Stätten, an denen die Madonna verehrt wird. Ehe der fromme Wallfahrer jedoch vor die Andenkenstände kommt, hat er bereits seinen Obulus für sein eigentliches Anliegen entrichtet: Für Kerzen, Messen und Klingelbeutel muß er im Durchschnitt von vornherein 15 bis 20 Mark reservieren.