Von Wilfried Kratz

Schatzkanzler Denis Healey mahnte und beruhigte gleichzeitig seine Landsleute: „Das zentrale Problem ist, wie wir über die nächsten zwei bis drei Jahre kommen. Dann wird der Weg leichter.“ Der Grund für die hoffnungsvolle Perspektive ist der Ölschatz im britischen Festlandsockel der Nordsee – sicher eine Milliarde Tonnen, möglicherweise sogar drei Milliarden Tonnen, genug für den Verbrauch von einem Jahrzehnt bis zu drei Dekaden.

Vor amerikanischem Publikum skizzierte Premierminister Harold Wilson die größeren Zusammenhänge: „Großbritannien, auf Kohle gebaut und von Öl umgeben, wird einen großen Beitrag zur Lösung der Energie- und Wirtschaftsprobleme der Welt leisten.“

Immer wieder kommen britische Politiker auf den rettenden Rohstoff zurück: Nordseeöl, fest unter nationaler Kontrolle, schützt vor Erpressung, sollten die ölproduzierenden Länder wieder auf die Idee eines Lieferboykotts kommen; es lindert und behebt schließlich die Zahlungsbilanznöte und versorgt Großbritannien mit billigerem Öl, als es wichtige Wettbewerber bekommen; es setzt einen Industrialisierungsprozeß in Gang; und es ist endlich das Pfand, das man als Sicherheit für die notwendige Auslandsverschuldung in der Übergangszeit braucht.

Aber das Hochgefühl, das die Entdeckung des Öls vor der eigenen Haustür auslöste, weicht langsam einer Ernüchterung. Die Aufmerksamkeit hat sich auf die Preise verlagert, auf die Investitionen für den Aufschluß der Reserven, auf die Kosten der Förderung, die Vorbelastung der künftigen Produktion durch die Bürde der Auslandsschulden, auf die Preisrelationen, die zwischen Nordseeöl und Weltmarktöl in den achtziger Jahren einmal bestehen mögen, wenn die britische Produktion in vollem Schwung sein wird.

Alle bisher aufgestellten Zeitpläne erwiesen sich als viel zu optimistisch. Die Ölleute, die ihre Erfahrungen hauptsächlich in den Gewässern des Golfs von Mexiko gesammelt hatten, unterschätzten die Schwierigkeiten in der Nordsee; widriges Wetter und rauhe See, große Meerestiefen und weite Entfernungen von den Landstützpunkten. Die Ausrüstung für die Hebung des Ölschatzes zwang die Ingenieure, technisches Neuland zu betreten. Technische Schwierigkeiten und Streiks warfen die Planer zurück.

1970 entdeckte der Mineralölkonzern „British Petroleum“ das erste große Vorkommen vor der Küste Schottlands. In der ersten Begeisterung wagte man die Voraussage, daß schon 1973 Öl aus dem Forties-Feld fließen werde; jetzt wird man sich glücklich schätzen, wenn das erste Öl im Herbst 1975 durch die Rohrleitung an Land gepumpt werden kann.