Stiftungen – Vorsicht vor Patronagedenken und Versorgungsmentalität/Von Marion Gräfin Dönhoff

In Nummer 3/1975 dieser Zeitung stand folgende Annonce: „Die Stiftung Volkswagenwerk fördert Wissenschaft und Technik in Forschung und Lehre. Sie hat zum 1. Oktober 1975 die Stelle des Generalsekretärs neu zu besetzen...“ Schriftliche Bewerbungen, so hieß es weiter, werden bis zum 25. Februar erbeten.

Eine Annonce unter vielen, der man den Stellenwert dessen, der da gesucht wird, nicht ohne weiteres ansieht. Dabei ist die Volkswagen-Stiftung die einzig wirklich große Stiftung der Bundesrepublik. Ihr Kapital beträgt eine Milliarde Mark. Sie hat in den dreizehn Jahren ihres Bestehens insgesamt 1,5 Milliarden ausgegeben – also durchschnittlich 120 Millionen Mark Förderungsmittel im Jahr bewilligt. Neben einer Reihe größerer Stiftungen wie Thyssen, Krupp, Bosch gibt es in der Bundesrepublik mehrere tausend kleinere und kleinste Stiftungen; alle zusammen bringen sie jährlich etwa 300 Millionen Mark auf, also noch nicht einmal das Dreifache der einen VW-Stiftung.

In Amerika gibt es rund 25 000 Stiftungen, deren Vermögen zusammen über 20 Milliarden Dollar betragen, also etwa 50 Milliarden Mark. Auch dort ragt eine – die erst 1951 errichtete Ford-Stiftung – mit über drei Milliarden Vermögenswert weit über die anderen hinaus. In Amerika wäre es undenkbar, daß große Unternehmer wie Flick oder Quandt Milliarden realisieren, ohne daß der Name des Begründers dieser Vermögen mit einer Aktion, die dem Gemeinwohl dient, in die Geschichte einginge. Rockefeller, Ford, Carnegie, Kellogg, Mellon alle, die viel Geld gemacht haben, stifteten irgendwann einmal Vermächtnisse zugunsten philantropischer, medizinischer, bildungstechnischer oder ganz allgemein wissenschaftlicher Zwecke. Das gehört sich so nach amerikanischen Begriffen, auch wenn es oft nur um des sozialen Prestiges willen geschieht.

Nun kann man mit Recht vorbringen, daß in Amerika das Stiften leichtgemacht wird, weil es nämlich steuerliche Vorteile mit sich bringt. Doch sollte dies kein Einwand sein, sondern besser ein Ansporn, diesem Beispiel nachzueifern. Seit über einem Jahrzehnt wird bei uns darüber geredet, daß ein einheitliches Bundesstiftungsrecht geschaffen werden müsse, aber noch immer ist das Stiftungsrecht Ländersache, findet sich kein Mensch in dem Wirrwarr föderaler Bestimmungen zurecht. Seit Jahren wird gefordert – in dieser Zeitung schon 1964 –, daß die Errichtung von Stiftungen steuerlich begünstigt werden möge, aber nichts geschieht. Man kann also nicht erwarten, daß unter solchen Umständen die Stiftungsbereitschaft sehr groß ist.

Nun könnten Skeptiker fragen: Brauchen wir eigentlich Stiftungen? Ließe sich nicht Argumentieren, daß der Staat die Einnahmen, die ihm bei einer Steuerbegünstigung der Stiftungen entgehen würden, selber viel nutzbringender einzusetzen vermag, als dies ein Stifter könnte? Es fällt schwer, ausgerechnet in einem Moment, in dem die Bonner Steuerreform die ganze Unzulänglichkeit behördlicher Maßnahmen enthüllt, diese hypothetische Frage freudig zu bejahen.

In dieser Zeit wachsender bürokratischer Apparaturen und Großorganisationen, die allesamt dahin tendieren, ein gewisses Beharrungsvermögen zu entwickeln, können Stiftungen ein Element der Initiative und Innovation darstellen. Schließlich ist der Etat aller Institute und Forschungsstätten, zumal der der Großforschung, zu 70 oder 80 Prozent auf Jahre hinaus festgelegt, nicht zuletzt durch die ständig steigenden Personalkosten, so daß die für neue Projekte freien Beträge ständig geringer werden. Es ist auch nicht auszuschließen, daß bei der notwendigen Formalisierung der Forschungsförderung durch den Staat die Wissenschaftler sich in ihren Anträgen immer mehr in den vorgegebenen Rahmen einpassen und mithin neue Gesichtspunkte und veränderte Bedürfnisse sich nur schwer durchsetzen.