War George Washington eine Art Eisenhower, nicht sonderlich intelligent oder begabt, doch respektiert – nur darüber hinaus noch ungeheuer eingebildet? War Thomas Jefferson ein Nixon seiner Zeit, lauthals sich zur Freiheit bekennend, doch bereit zu Rechtsbruch?

Wenn der vielseitige Schriftsteller Gore Vidal, durch die Bouviers mit dem Kennedy-Clan versippt und daher auf politischen Gipfeln zu Hause, einen Roman über den politischen Abenteurer Aaron Burr (1756 bis 1836) geschrieben hat –

Gore Vidal: „Burr“, Roman, aus dem Amerikanischen von Günter Panzke; Bertelsmann Verlag, München, 1975; 512 S., 34,– DM

der in Amerika jetzt auch als Taschenbuch zu den Bestsellern gehört, dann offenbar, um zu zeigen, wie es auch in jener gefeierten Gründerzeit „gemenschelt“ hat.

Burr, der in den Jahren seines Exils in Europa auch Goethe besucht hat, ist der Mann, der 1804 seinen langjährigen politischen Gegner Alexander Hamilton im Duell erschossen hat, den Mitschöpfer des Bundesstaates und Mitverfasser der „Federalist Papers“. Präsident Jefferson ließ Anklage wegen Hochverrats gegen ihn erheben. Denn Burr wollte aus den Weststaaten einen zweiten Bundesstaat schaffen und sich an dessen Spitze stellen. Zum Ärger des Präsidenten fand Bundesrichter Marshal den Angeklagten nicht schuldig. Ohne den New Yorker Politiker und Anwalt Burr hätten die Republikaner nie über die Föderalisten gesiegt. Ohne Burr wäre also auch Jefferson nicht Präsident geworden.

Auch Burrs bewegtes Privatleben (erste Ehe mit einer viel älteren Witwe; zweite Ehe mit einer viel jüngeren Witwe; viele Liebesaffären; Vermischung von Politik mit Spekulation) ließen den begabten, sprunghaften Mann dem Romancier Vidal als verlockende Hauptfigur eines Romanes erscheinen. Nun haben aber seit hundertzwanzig Jahren mehrere Biographen Burr mit Sympathie porträtiert. An Tabus war also nicht zu rühren. Gewiß erlaubt die Fiktion mehr Atmosphäre, auch ironische Aktualisierung, doch ist Gore Vidals Trick etwas verwirrend: Ein illegitimer Sohn regt den alten Burr an, seine Memoiren zu schreiben. Die Handlung spielt abwechselnd in Burrs letzten Jahren und während seiner Glanzzeit. Amerikanische Leser, mit der kapriziös und lückenhaft erzählten Geschichte vertraut, werden eher folgen können als Europäer. Trotz der Qualitäten des Romans und der vorzüglichen Übersetzung vor allem ein Pläsir für Eingeweihte. François Bondy