ARD, III. Programm Radio Bremen, Donnerstag, 6. Februar: "III nach neun"

Die erste Talk-Show, die mir Spaß gemacht hat. Spaß auch dann noch, wenn die "Live" – Sendung aus dem Bremer Studio durchhing. Darf gleich drei Gesprächsführern (Marianne Koch, Wolfgang Menge, Gert von Paczensky) der Gesprächsstoff ausgehen? Ja, warum nicht? Kriegt man in solchen Augenblicken bei anderen Talk-Mastern Herzflattern, so bleibt der Zuschauer hier so gelassen wie die Bremer Tele-Diskutanten. Man fühlt sich wie auf einer Party bei Freunden. Dort gibt es über ein paar Stunden hin auch das natürliche Auf und Ab von Stimmung und Unterhaltung. Solch unverkrampfter Rhythmus hebt sich wohltuend ab von der Dauerspannung der üblichen deutschen Talk-Show.

Der Wechsel von Totale und Nahaufnahme, die immer wieder sichtbar werdenden Kameras, Schwenks auf die gerade nicht für die öffentlichkeit diskutierenden Paare an den anderen Tischen, die Reaktionen des Publikums, frech, witzig (auch albern) kommentierende Einblendungen der Regie – all das schafft eine Atmosphäre der Improvisation.

Da die Voraussetzungen in Bremen so günstig sind, stellt sich die Frage, weshalb die dritte Folge dieser neuen Sendung fein so mageres Ergebnis brachte. Waren die drei Fragemeister nicht in Form?

Am besten Paczensky: hinter haus väterlicher Gemütlichkeit ein wacher Verstand, scharfe, gute Fragen, flinkes Nachhaken. Wolfgang Menge kam mit dem Schausteller Rudi Carrell nicht zurecht, der auf Selbstdarstellung aus war, und verbiß sich dann in Fragen nach Rainer Barzels Vergangenheit. Nur als Hebamme, nicht als kritische Partnerin amtierte Marianne Koch im Gespräch mit der Schnellsprecherin und Wahrsagerin Gabriele Hoffmann. Dabei hatte gerade Frau Koch, mit ihrer Frage an Barzel nach dem Verhalten der CDU im Streit um den Paragraphen 218, die Chance, das abendliche Plauderstündchen zu einer interessanten politischen Fragestunde zu machen. Als sich eine Frau aus dem Publikum, mit Mut, an der Debatte beteiligte, versagte die ganze Mannschaft: Niemand hatte die Courage, der Frau bei zuspringen, die sich im Bericht eigener quälender Erlebnisse verhaspelte, und die Diskussion auf den (von der Zuschauerin richtig benannten) Punkt zu bringen: Was taugen juristische und moralische Argumente einer sich christlich nennenden Partei, wenn stillschweigend geduldet wird, daß reiche Frauen, wie bisher, Probleme diskret im Ausland erledigen, die für ärmere zu Tragödien werden?

Hier zeigt sich, daß es mit der Improvisation (noch?) nicht so weit her-ist. Auch eine als Person und Informantin so ergiebige Gesprächspartnerin wie die dunkelhäutige Amerikanerin (und Ehefrau des Talk-Masters von der WDR-Konkurrenz "Je später der Abend") Rosenbauer, die an einer deutschen Schule unterrichtet und bereit gewesen wäre, ohne Anklageton, von Formen des Rassenhasses in der Bundesrepublik zu sprechen, wurde nicht ernstgenommen, sondern als schöne, exotische Puppe nur eben vorgezeigt. Und daß ein Gast wie Loriot nur zu allgemeinem Schulterklopfen und der hierzulande üblichen allgemeinen gegenseitigen Beweihräucherung ausgebeutet wurde, spricht nicht gerade für das kritische Temperament der Bremer, Trotzdem: in Bremen haben sie das richtige Rezept.

Der Programm-Koordinator verhüte, daß die Sendung, wie schon gefordert wird, aus der Experimentier-Ecke des III. ins Erste Programm gezerrt wird, wo sie so steril werden müßte wie andere Sendungen des Genres. Lieber mit kleinen Pannen und Pausen so: heiter weiter.

Rolf Michaelis