Von Wolfram Siebeck

Was sucht der Meier auf dem Himalaya?“ sangen unsere Eltern in den zwanziger Jahren. Heute singen wir andere Lieder, aber die Frage ist immer noch berechtigt: Was sucht einer da oben, wo er weder nützt noch ziert?

„Wozu nützen, warum sitzen an dem Frack die langen Spitzen?“ lautet eine ähnlich tiefschürfende Frage Wilhelm Buschs. Auch sie wurde, wie die Frage nach dem Grund für Herrn Meiers hochalpine Suchaktion, nie beantwortet.

Von so viel ungelösten Rätseln umgeben, wagt man erst gar nicht zu fragen, wozu Herr Scheel einen Empire-Schreibtisch braucht, Wie zu lesen war, hat der Bundespräsident jetzt nach langem Suchen im kurfürstlichen Schloß zu Kassel das passende Prunkstück – datiert „1791“ und signiert, Handelswert 200 000 DM – gefunden. Es wird in seinem Bonner Amtszimmer aufgestellt. Wozu?

Der Herr Bundespräsident braucht den Tisch, um uns daran zu repräsentieren, lautet die scheinbar naheliegende Antwort. Doch dann müßte man auch fragen, ob wir überhaupt an dem Prunkschreibtisch eines absolutistischen Kurfürsten repräsentiert werden wollen. Daß es dazu eines Zweihunderttausend-Mark-Möbels bedarf, macht die Antwort gewiß nicht leichter.

Mag sein, daß sangesfrohe Menschen einen besonders ausgeprägten Hang zur Prachtentfaltung haben. Die englischen Popsänger, angefangen von den Beatles, haben das immer wieder bewiesen. Kaum hatten sie ihre erste Goldene Schallplatte ersungen, ließen sie auch ihre Rolls-Royce vergolden und zogen in Landhäuser, die oft sogar älter als 1791 waren. Aber, bei aller Hochachtung vor dem deutschen Volkslied, wollte man den „Gelben Wagen“ mit den Kompositionen der Beatles vergleichen, so müßten die Pilzköpfe gerechterweise im Buckingham Palace wohnen.

Doch ob es nun das hohe Amt ist oder das hohe C, das in unserem Fall so dringend nach der Antiquität verlangt – am Ende seiner Amtszeit muß der Bundespräsident den teuren Tisch wieder zurückgeben. Wir finden das ungerecht. Da hat sich einer jahrelang an so ein Möbel gewöhnt, es ist ihm vertraut geworden in guten wie in schlechten Zeiten, gemeinsam haben sie das Volk repräsentiert, so daß der eine ohne den anderen kaum mehr denkbar war, und dann sollen sie sich trennen, als sei nichts gewesen? Wer kennt nicht die erschütternden Kleinanzeigen in den Zeitungen: „Gut erhaltener Weihnachtsbaum, erst dreimal dran gesungen, in liebevolle Hände abzugeben.“ Soll den Schreibtisch unseres Präsidenten eines Tages das gleiche Schicksal ereilen?

Deshalb meinen wir: Laßt jeden verdienten Staatsdiener seinen Schreibtisch, seinen Gobelin und was ihm sonst in unseren Museen und Schlössern so gut gefallen hat, mit nach Hause nehmen. Die Gewißheit, daß sie sich dann auch im Ruhestand richtig wohl fühlen, verstärkt die Wahrscheinlichkeit, daß sie nicht so leicht wieder zurückkehren. Und das ist in manchen Fällen mehr als 200 000 Mark wert.