Von Gabriele Venzky

Äthiopien zuerst.“ „Äthiopia tigdem.“ Die Parole, an die sich die revolutionären Offiziere in Addis Abeba immer noch hartnäckig klammern, klingt wie blanker Hohn. Nicht, weil die „Republik der Unteroffiziere“ – wie sie jetzt in der äthiopischen Hauptstadt immer häufiger verächtlich genannt wird, in dem knappen Jahr ihres Bestehens so gut wie nichts zustande gebracht hat. Für das stetig wachsende Heer der unzufriedenen Ex-Untertanen des absolutistischen Kaisers Haile Selassie ist das schon schlimm genug. Schlimmer aber noch ist, daß der Junta das Reich unter den Händen zerkrümelt. Die eigentlichen Opfer auf dem Altar des äthiopischen Sozialismus sind nicht die alten Notablen. Jetzt steht die Einheit des Landes auf dem Spiel.

In Eritrea fallen die Würfel über die Zukunft des Staates. Das Ausmaß des Erfolgs der Sezessionisten in der Nordost-Provinz entscheidet über das Ausmaß der Desintegration des 26-Millionen-Volkes. Die Eritreer sind die Vorhut einer ganzen Anzahl abtrünnig gestimmter Stämme und Provinzen, die der Vorherrschaft der Amharen überdrüssig sind.

So paradox es klingen mag: Des kaltgestellten Kaisers Hofschranzen, die sich in der bis zum Frühjahr vergangenen Jahres dauernden Feudalzeit die Posten und Privilegien untereinander zuschanzten, waren die besten Garanten der Einheit. Einer brüchigen Einheit allerdings, wie sich jetzt zeigt.

Denn an sechs Stellen des Reiches wird der Zentralgewalt in Addis Abeba nun der Führungsanspruch streitig gemacht:

  • in der südlichen Provinz Ogaden an der somalischen Grenze;
  • an der Grenze zum Sudan in den Provinzen Gojjam, Begemder und Eritrea;
  • in der Provinz Tigre und in den Bergen, nur 80 Kilometer nördlich der Hauptstadt.

Diese Bedrohung ist vermutlich mehr, als das halbe Dutzend untereinander zerstrittener Offiziere des Dergue, des Revolutionsrats, verkraften kann.