Von Wolf Donner

Ein junger Schwarzer aus Harlem wird verdächtigt, eine weiße Frau vergewaltigt zu haben, und muß ins Gefängnis. Verzweifelt versuchen seine Freundin, die ein Kind von ihm erwartet, und ihre Eltern, den Unschuldigen frei zu bekommen.

Ein Fall, der täglich in Amerika in den Zeitungen stehen kann. Einem Freund Baldwins ist er passiert, sechs Jahre mußte er sitzen. Der ganz ähnliche Fall Whitmore hat lange die Öffentlichkeit beschäftigt, seine Verfilmung durch Joseph Sargent („The Marcus-Nelson Murders“) fachte die Auseinandersetzung noch einmal an; der Film leitete bei uns die Kojak-Fernsehserie ein; Man muß das neue Buch von –

James Baldwin: „Beale Street Blues“, Roman, aus dem Amerikanischen von Nils Thomas Lindquist; Rowohlt Verlag, Reinbek, 1974; 190 S., 25,– DM

also zunächst gegen einige dogmatische Kritiker verteidigen. Die Rechten werfen Baldwin vor, in seinem unversöhnlichen Haß auf das weiße Amerika schildere er Zustände der fünfziger Jahre, wogegen heute Polizei, Gerichtswesen und Strafvollzug viel liberaler gegenüber den Schwarzen vorgingen. Die Linken sagen ungefähr das Gegenteil: Baldwin habe seine frühere militante Haltung in der Rassenfrage an eine tränenselige schwarze Love Story verraten. Sie vergessen dabei, daß Baldwin die Versöhnungspolitik Luther Kings aktiv unterstützt hat und daß er, als er nach Kings Tod den Black Panthers helfen wollte, bereits damals als Kompromißler abgelehnt und als ein „Onkel Tom“ verhöhnt wurde; und sie vergessen schließlich, daß die hilflose Wut auf „das Land, der Schweine und Mörder“‚ auf „die schmutzigen Lügen der Weißen“ den ganzen Roman durchzieht.

Dabei ist Baldwin nicht einseitig, wie die Rechten behaupten. Er attackiert den neuen schwarzen Mittelstand ebenso wie das tumbe schwarzweiße Künstlervölkchen im „Village“ von Manhattan. Den schwarzen Mädchen mit gebleichter Haut und krampfhaft geglätteten Haaren steht ein weißer Anwalt gegenüber, der sich um den Preis beruflicher Nachteile des Unschuldigen annimmt.

Diese politische Auseinandersetzung steht der formalen literaturkritischen im Wege. Auch die deutschen Rezensenten lassen Baldwin weitgehend ungeschoren auf dem Sockel des großen amerikanischen Schriftstellers und wundern sich höchstens über die plötzliche Woge von Tränen, über hehre Gefühle, rhetorische Beschwörungsformeln, über biblisches Pathos. Baldwins Sprache ist in der Tat bombastisch, dabei blutleer und abstrakt. Er redet zwar dauernd von Empfindungen, aber das wirkt nicht erlebt und wirklich empfunden, sondern unecht, synthetisch. Vergeblich sucht das gelegentliche Kraftvokabular Realitätsnähe und New Yorker Lokalkolorit zu suggerieren.