München

Johann Mittermeier wollte sich gerade zu seiner Lieblingsbeschäftigung, zum Essen, hinsetzen, da versperrten ihm Polizisten den Weg zum Mittagstisch. Damit endete am l6. November 1973 in Bayreuth vorerst der Kidnapperkrimi um die „Hendl“-Tochter Evelyn Jahn. Anfang nächster Woche nun wird er neu aufgerollt: Im Münchner Justizpalast beginnt der Prozeß gegen die angeklagten Entführer der blonden Millionenerbin des Wienerwald-Imperiums: Peter Knapp (28), Johann Mittermeier (25), Rudolf Maierhofer (33) sowie dessen damalige Ehefrau Marlene (25).

Das Superding, das dem Entführertrio kurzfristig drei Millionen Mark Lösegeld eingebracht hatte, war von langer Hand geplant worden. Die drei Männer hatten sich vor Jahren in einer Jugendhaftanstalt kennengelernt und schon damals von einer „ganz großen Sache“ geträumt. Als sich die Knastfreunde später in Freiheit wiedertrafen, stellen sie neben anderen Gemeinsamkeiten fest, daß sie allesamt pleite waren. So beschlossen sie, ihre alten Zellenträume zu verwirklichen. In der jetzt vorliegenden dreißigseitigen Anklageschrift liest sich die Entführung, die schon nach 67 Stunden aufgeklärt war, wie ein Thriller.

Nach den Ermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft begannen die Täter etwa sechs Wochen vor dem Coup, ihr auserwähltes „Opfer“ zu beschatten. Ausgestattet mit Autos, Feldstecher und viel Geduld kundschafteten sie wochenlang Evelyns Lebensgewohnheiten aus. Nebenher kümmerten sie sich auch noch um ein geeignetes Versteck für das „Goldkind“. Peter Knapp, mit einem gestohlenen und gefälschten Führerschein als Rechtsanwalt Josef Ritter ausstaffiert, mietete im Augsburger „Holiday-Inn“ ein Apartment für 1336 Mark, während sein Kumpel Maierhofer unter dem gleichen Decknamen telefonisch einen Leihmercedes „für eine Hochzeit“ bestellte. Am Dienstag, dem 13. November, stieg die „Sache“. Als Evelyn gegen 22 Uhr ihren Porsche in die Garage fuhr, warteten Knapp und Mittermeier bereits auf sie. Mit vorgehaltener Pistole komplimentierten sie die junge Dame auf den Rücksitz und beförderten sie in einen Wald an der Autobahn nach Augsburg. Die „Hendl“-Tochter später: „Sie sagten, dies sei eine Entführung ohne politischen Hintergrund; ihnen gehe es nur ums Geld.“

Mit diesem Trost durfte Evelyn Jahn um Mitternacht im Wald aussteigen, von dem bewaffneten Schlosser Mittermeier bewacht, während Peter Knapp den Wagen nach München zurückfuhr und ihn ordnungsgemäß vor dem 9. Polizeirevier abstellte. In seinem eigenen BMW kehrte er wieder zu den Alleingelassenen zurück. Mit verklebten Augen wurde die „Beute“ so gegen zwei Uhr nachts im Lastenaufzug zum gemieteten Hotelzimmer befördert. Dort mußte Evelyn sofort eine Botschaft an ihren damaligen Verlobten und jetzigen Ehemann Günter Peitzner auf Band sprechen.

Um drei Uhr erhielt Vater Friedrich Jahn in einem Hotel in Linz die erste telephonische Nachricht: „Wir haben ihre Tochter entführt.“ In einem Telephongespräch mit dem Verlobten erfuhr der Wienerwald-König auch die Bedingungen für den „Rückkauf“ seiner Tochter. Günter Peitzner sollte zu einer bestimmten Zeit mit dem Lösegeld in seinem VW an der Grenzkontrollstelle Hirschenberg auf die Autobahn Hof-Berlin fahren und erst anhalten, wenn er fünfmal angeblinkt werde. Dann – so hatten die Entführer ausgetüftelt – sollte der Verlobte bis nach Berlin weiterfahren. Nach seiner Rückkehr wäre seine Braut bereits frei.

Für die Entführer war bis dahin alles programmgemäß gelaufen; dann aber passierte eine Panne nach der anderen: Friedrich Jahn lehnte eine Lösegeldübergabe in der DDR ab. Und Rudolf Maierhofer, der nach Aussagen der beiden Mittäter Knapp und Mittermeier den Drahtzieher im Hintergrund spielen sollte, war telephonisch nicht zu erreichen: Die Post hatte den Anschluß wegen nicht bezahlter Rechnungen gesperrt. Über einen Münchner Zeitungsreporter wurde ein neuer Übergabeplatz ausgemacht: Am 15. November um 3.15 Uhr, abseits der Ingolstädter Straße, „dort, wo immer die leichten Mädchen stehen“.