Von Jürgen Werner

Dettmar Cramer war 25, ich 15 Jahre alt, als wir uns zum erstenmal in der Sportschule des Westdeutschen Fußballverbandes (WFV) in Duisburg trafen. In diesem Zentrum damaliger deutscher Fußballmacht wirkte er als Trainer und gleichzeitig als Prophet Herbergers, sichtete Fußballtalente und wirkte auf mich schon damals wie ein Besessener des Fußballs. In Wort und Tat vermittelte er uns 14 Tage lang Fußball, als wär’s ein Stück von ihm selbst. Keiner demonstrierte am schwingenden Ballpendel die perfekte Haltung des köpfenden Spielers so elegant wie er, im Sprung mit angezogenen Unterschenkeln noch Fehler erklärend, niemand formulierte vor Trainingsspielen so eindringlich und plastisch, daß nicht jeder Junge meinte, Fußball sei das Leben. „Wie Adler müßt ihr euch auf euren Gegner stürzen und ihn nicht mehr aus den Fängen lassen“ – Metaphern wie aus einem Bilderbuch.

Wir trafen uns dann häufiger bei Lehrgängen und Auswahlspielen, und immer stand er im Mittelpunkt, ein Geist, der Fußball, stets bejahte, junge Spieler für sich und seine Ideen einzunehmen wußte. Anläßlich des FIFA-Jugendturniers 1954 in Brüssel,– die Jugendnationalmannschaften treffen sich regelmäßig zu solchen Vergleichen – dozierte Dettmar Cramer auf der Busfahrt zu einem solchen Länderspiel zehn Minuten über die Handhaltung eines eingeschlafenen Spielers. Die Entspannung, die vor einem solch wichtigen Spiel darin zum Ausdruck komme, demonstriere dessen völlige Hingabe an seine bevorstehende Aufgabe. Ich hörte mit Entzücken seine Interpretation und hielt die Augen geschlossen. Noch heute weiß ich nicht, ob er mich beobachtet und bewußt gezielt hatte.

Zuzutrauen war es ihm eigentlich schon damals. Denn seine Rhetorik wirkt eigentlich immer zielgerichtet und kontrolliert, manchmal fast manieriert, jedenfalls nie spontan. Seine Neider und Feinde waren sich dann auch einig, ihre Polemik zielte in die gleiche Richtung. Ob es um seine Rolle bei der Fußball Weltmeisterschaft 1966 in England gehe – Helmut Schön am Ende seiner physischen und psychischen Kräfte, Dettmar Cramer wirkte als graue Eminenz im Hintergrund –, seine Beckmesser-Haltung vor dem Turnier 1970 in Mexiko – Dettmar Cramer warf Helmut Schön gravierende taktische Fehler vor – oder seine professoralen Darlegungen während der Fußballweltmeisterschaft 1974 im Fernsehen, immer sei er der Besserwisser gewesen, nie habe er sich den Problemen des Fußballalltags gestellt.

Tokio, Kuala Lumpur oder Teheran, Rio, Israel oder Amerika – sie alle erfolgreiche Stationen auf Amerika Cramers Fußballmission als Vertreter der FIFA von 1967 bis 1974 – seien nur Namen, farbig, exotisch und interessant. Zwar hätten die Japaner 1968 bei den Olympischen Spielen in Mexiko die Bronzemedaille errungen, „Vom fußballerischen Nullpunkt habe ich sie dorthin geführt“, Dettmar Cramers Stolz ist der anderen Not. Aber: hic Berlin und salto, jetzt in München mit Risiko, das allein zähle in Wirklichkeit. „Mich unterschätzen die Leute, wenn sie meinen, ich stehe das nicht durch“ – die Trotzreaktion dessen, der stets die heile Welt des Fußballs ex cathedra weltweit verkünden konnte – Asiens, Afrikas und Amerikas fußballhungrige Trainer und Schiedsrichter lasen es von seinen Lippen ab –, auch die wohlfeilen und gemeinen Geschäfte des Bundesligamarktes werden verständlich, wenn man weiß, daß Dettmar Cramer seinen Beruf als Berufung, weniger ab Job versteht.

Schon in München hatte er mir am Tag des Endspiels um die Fußballweltmeisterschaft seine Gründe genannt, warum er Berlin trotz vorübergehender vertraglicher Bindung verließe und sich für Amerika entschieden hatte. Nach langen Diskussionen mit dem damaligen Präsidenten von Hertha BSC, Warneke, und dessen Vorstand sei ihm klargeworden, daß die Schuldenlast des Vereins so hoch gewesen sei, daß Investitionen in seinem Sinne – „Ich dachte an gute Mittelfeldspieler und Stürmer“ – bei gleichzeitiger kontinuierlicher, gründlicher Aufbauarbeit nicht gewährleistet gewesen wäre. Da schon seit 1970 ein Vertragsvorschlag der Amerikaner vorgelegen habe, sei Amerika die einzig vernünftige Alternative gewesen.

Gene Edwards, der damalige Vizepräsident des Amerikanischen Fußballverbandes (USSF) aus Milwaukee, und er hätten weder den berühmten Handschag getauscht noch sich Versprechen gegeben. „Wir wollten nach einer Probezeit vier Jahre zusammen arbeiten. Die amerikanische Mannschaft sollte in Montreal 1976 am Olympiaturnier und 1978 an der Fußballweltmeisterschaft in Argentinien teilnehmen.“ Wieder scheiterte der Versuch am fehlenden Geld. Ein Jahresetat von einhunderttausend Dollar für die Vorbereitungen einschließlich des Trainergehalts brachten Dettmar Cramer zu der Erkenntnis, daß so Arbeit nicht zu Leistung führen könne, geschweige denn Erfolge, wie er sie sich vorstellte und wohl auch von ihm erwartet wurden, zu erzielen waren.