Von Ulrich Schmidt

Den ersten beißen die Hunde“, sagt Frau Kirchner aus Krefeld und redet sich immer mehr in negative Begeisterung hinein. „Für so viel Geld so wenig Leistung. Die Bungalows müssen Sie sich mal anschauen, primitiiiv, sage ich Ihnen. Und dann die Mücken nachts. Und keine Möglichkeit zum Wäschetrocknen. Und denmüssen Sie sich mal anschauen, primitiv, sage können, wie hier die Hauptstadt heißt? Keine Ahnung haben die In Mombasa auf dem Flugplatz waren wir schon bedient, als wir von der vorigen Gruppe hörten, daß die ganze Woche Regen war ...“

Das Ehepaar Kirchner hat mit Hilfe eines Reiseveranstalters Kenia hinter sich gebracht und sitzt nun ziemlich ratlos im Hotel Maloudja an der Nordküste von Grande Comore, der größten der vier Komoren-Inseln. Warum die beiden sich für die dritte. Urlaubswoche noch einmal 2000 Flugkilometer und 1000 Mark pro Nase extra zugemutet haben, wissen sie jetzt noch weniger als vorher. Das Strandangebot ist hier kaum anders als an der Afrikaküste. Und die Insel besichtigen? Die Hauptstadt Moroni ist weit weg, Busse gibt es nicht, man müßte versuchen, ein Taxi aufzutreiben, und das ist den Kirchners zu umständlich. Also lassen sie es bleiben.

So ist es, wenn komfortabhängige, anpassungsunwillige Touristen in ein unerschlossenes Urlaubsrevier kommen: Es gibt unweigerlich Ärger. Um so mehr, wenn im Prospekt – wie bei Touropa-Scharnow – von Betreuung die Rede ist und die Kunden nachher feststellen müssen, daß, außer dem verbilligten Flug und der Unterkunft nichts geboten wird und jedermann sich selbst überlassen ist.

Wer hingegen gern improvisiert und froh ist, wenn er jenseits des Flugplatzes Neuland vorfindet und Entdecker spielen kann, der ist gerade jetzt (und vielleicht noch ein, zwei Jahre lang) auf den Komoren am richtigen Platz. Noch haben die Touristen nichts verdorben: das überquellende Grün ohne Beton, die Vögel, die Schmetterlinge, das freundliche, offenherzige Volk, die frischvergnügten Kinder.

Auch die Kontraste sind unverwischt: anmutige Frauen und grimmige Buschmesserträger, alte Korangläubige und junge Sozialisten, brave Bananenbäcker und betrügerische Taxifahrer, Spelunken und Klassehotels, Gestank in den Hafengassen und Blütenduft in den Wäldern, Zwergrinder und Riesenfledermäuse, Wolkenbruch und Sonnenschein, weißer Strand und schwarze Felsen. Unvergeßliche Bilder.

Noch kennt kaum jemand die Komoren. Erst in den letzten Wochen fing die Welt an, sie zu bemerken, weil nämlich die 290 000 Komoreaner am 22. Dezember in einer Volksabstimmung ihren Willen zur Unabhängigkeit von Frankreich bekundet haben. Darin eingeschlossen ist der Wille, die fast hoffnungslos brachliegende Wirtschaft in Gang zu bringen, Investoren ins Land zu holen, Handel mit Europa zu treiben.