Von Felix Spies

Seit er zum Steigflug aus jenen dichteren Luftschichten des Managements angesetzt hatte, in denen die meisten anderen zeitlebens ihre Warteschleifen ziehen, brauchte er den Schub nicht mehr zu drosseln. Erst jetzt, nachdem er auf der Gipfelhöhe des Topmanagements angelangt ist, muß Manfred Lennings auf eher horizontale Flugbahn einschwenken – noch höher hinauf kann er schwerlich kommen.

Wenig länger als zehn Jahre hat der Bergbauingenieur Lennings für seinen Aufstieg in die Stratosphäre deutschen Industriemanagements gebraucht. Als Dreißigjähriger trat er im Herbst 1964, aus eher beschaulicher wissenschaftlicher Mitarbeit beim Clausthaler Institut für Bergbaukunde und Bergwirtschaftslehre kommend, in Oberhausen als Vorstandsassistent beim Gutehoffnungshütte Aktienverein, der Holding des GHH-Konzerns, an. Fünf Tage vor seinem einundvierzigsten Geburtstag, am Dienstag kommender Woche, übernimmt er von Dietrich Wilhelm von Menges, der die Pensionsgrenze erreicht hat, den Vorstandsvorsitz in der GHH-Dachgesellschaft. Dann steht Manfred Lennings, Betriebswirtschaftler aus Passion, an der Spitze des größten europäischen Maschinenbaukonzerns – verantwortlich für 90 000 Beschäftigte und einen Jahresumsatz von mehr als zehn Milliarden Mark.

Dabei begann die Industriekarriere des neuen GHH-Chefs mit einem beträchtlichen Handikap. Zwar brachte er beste Voraussetzungen mit: Als Sohn eines GHH-Hüttendirektors in Oberhausen geboren, lebte Lennings gleichsam von Kindesbeinen an mit der Schwerindustrie des Reviers in familiärem Kontakt. Und als „Bergbaubeflissener“ auf der Oberhausener Zeche Osterfeld und danach an der Bergakademie Clausthal – die ihn für die Fachrichtung Bergbau diplomierte und 1964 zum Doktor der Ingenieurwissenschaften promovierte – erwarb er sich Kenntnisse und Titel, die an Rhein und Ruhr, trotz allem Strukturwandel, noch viel galten.

Aber als Montanwissenschaftler Lennings dann vor zehn Jahren zum Stab seines jetzigen Vorgängers von Menges stieß, da war seine Ausbildungszeit bereits so lang bemessen, daß er für den Aufstieg zur Spitze eigentlich schon von Beginn zu alt schien: Vor seinen Bergbaustudien hatte Lennings nämlich schon zwei Semester Betriebswirtschaft in München gehört. Und an der Bergakademie in Clausthal entdeckte er dann jenseits seiner Wissenschaft Interessen, die ziemlich zeitraubend waren. So übte sich Lennings 1959/60 als Vorsitzender der Deutschen Studentenschaft (VDS) in praktischer Politik („Ich war ein hochschulpolitischer Idealist“); so arbeitete er in den Semesterferien in Schweden und Jugoslawien im Erzbergbau, schuftete in den USA in einer Kupfermine und reiste dann jeweils anschließend durchs Land.

„Es drängte einen eben mal raus aus Clausthal“, so erinnert sich Lennings an die Gründe für seinen Spätstart in die Industrie. Mit dem gleichen Impetus trieb es den Jungmanager dann freilich auch nach oben, nachdem er in dem 120-Mann-Team der GHH-Holding Tritt gefaßt hatte. Mit Geschick und Sachverstand schuf Lennings („Ich stieß in ein Vakuum“) für seinen Chef von Menges, was es vorher noch nicht gab: einen fünfzehn Mann starken Stab für technische Planung und Investitionen. Genau den aber brauchte der damalige GHH-Vorstandsboß für die Umstrukturierung seines „GHH-Gemischtwarenladens“ (von Menges). Lennings heute: „Ich habe für meinen Chef sämtliche Planungsentscheidungen im technischen Bereich vorbereitet.“

Zwölf Stunden werktägliche Arbeit, abgerundet von ergänzendem Aktenstudium am Wochenende waren für den seit 1961 verheirateten Lennings dabei selbstverständliche Bürde auf seinem Privatleben. Und da er auch bei der Durchführung seiner Strukturvorschläge („Ich habe stets die neueste betriebswirtschaftliche Fachliteratur gelesen“) glückliche Hand bewies, beförderte ihn von Menges schon zwei Jahre nach seinem GHH-Debüt zum Handlungsbevollmächtigten, ein weiteres Jahr später zum Prokuristen und 1968 als Leiter der Hauptabteilung Planung und Volkswirtschaft zum Direktor. Vier Jahre und drei Monate nach seinem Eintritt bei GHH wurde Manfred Lennings stellvertretendes Vorstandsmitglied in der Dachgesellschaft: Der zu Beginn fast schon zu alte Nachwuchsmanager war nun eigentlich schon fast zu jung.