Von Dieter Hildebrandt

Als vor einigen Monaten hier vom 7. Schriftstellerkongreß der DDR berichtet wurde und davon, daß die Delegierten als Mitglieder des "Deutschen Schriftstellerverbandes" gekommen waren, aber als Mitglieder des "Schriftstellerverbandes der DDR" auseinandergingen, war die sarkastische Pointe nicht zu unterdrücken: "Ob sie die Sprache, in der sie schreiben, eines Tages auch noch umbenennen?"

Der Sarkasmus scheint auf der Strecke geblieben zu sein, die Befürchtung tendiert zur Nachricht. Vor einigen Tagen ging eine kleine Meldung durch unsere Zeitungen, die die Pointe von damals wahrzumachen schien. Nachdem Erich Honecker von einer selbständigen sozialistischen Nation gesprochen hat, wolle die DDR nun auch eine eigene Nationalsprache einführen. Denn, so wurde da zitiert, Sprache sei eines der Merkmale einer Nation, und müsse folglich auch eines der Merkmale einer sozialistischen Nation sein. Die Notiz bezog sich auf einen Artikel in der Ostberliner "Weltbühne", und der Schreck wurde nicht geringer durch eine andere Nachricht, die DDR wolle nun auch die "Muttersprache" abschaffen, oder doch nur gelten lassen als zweitrangiges Element neben dem erstrangigen einer klaren kämpferischen sozialistischen Haltung. Der Schreck wuchs sich weiter aus bei der Lektüre eines kürzlich im Westen erschienenen Buches zur Rechtschreibreform ("Rechtschreibung – Müssen wir neu schreiben lernen?", herausgegeben von Wilhelm W. Hiestand; Beltz Verlag, Weinheim; 224 S., 12,– DM), in dem ein Sprachwissenschaftler aus Dresden mit der allerdings schon einige Jahre zurückliegenden Erklärung zitiert wird, wenn die Reform im Westen stocke, solle sich die DDR eben selbständig machen. Es sei das Recht eines souveränen Staates wie der DDR, "über die Rechtschreibung seiner Staatssprache zu bestimmen und sie den Erfordernissen der Gegenwart anzupassen ..." Und noch einmal die "Weltbühne": "Es handelt sich um eine hochpolitische Sache: Die sozialistische Nation kämpft um ihre unverfälschte Nationalsprache."

Halten wir die Vokabeln fest: sozialistische Nationalsprache, Staatssprache der DDR, Muttersprache bloß als eine Art Plattdeutsch, aus dem man sich erst zur Hochsprache sozialistischen Bewußtseins emporbilden muß. Das klingt alarmierend in einer Zeit, da das Postulat des Miteinanderredens von beiden Seiten und bei uns im Westen nicht mehr nur von der Regierung allein. vertreten wird. Soll da nun, wie ein separates Farbfernsehsystem, nun auch ein separates Idiom eingeführt werden, eine DDR-Kunstsprache mit leichtem Anflug von Parteichinesisch womöglich, ein Esperanto des ostdeutschen Sozialismus? Von Karl Kraus stammt die Bemerkung, Deutsch sei die Sprache derer, die zwar deutsch fühlen, aber nicht deutsch können. Soll nun für die, die sich so sehr deutsch nicht fühlen mögen, eine eigene Sprache geschaffen werden, die sie dann leichter können? Oder soll durchgehend für alle Wörter ein Kanon verschiedener Wortbedeutungen aufgestellt werden – wie es jetzt schon bei einer Vielzahl von Begriffen der Fall ist? Will die DDR nicht mehr deutsch mit uns reden?

Doch, sie will. Gerade sie will, und nur sie will es können, nur sie glaubt sich legitimiert. Der Schreck wird geringer, wenn wir uns die "Weltbühne" einmal genauer ansehen: Kein Esperanto ist geplant, sondern endlich einmal die Utopie aller Sprachpfleger und Gymnasiallehrer: Reines Deutsch. "Wir verzichten nicht auf die deutsche Sprache in ihrer Schönheit und ihrem Reichtum. Wir sollten uns daher auch bewußter und nachdrücklicher gegen das Eindringen von Sprachunarten, Modewörtern und Amerikanismen aus dem ‚Sprachschatz‘ der BRD zur Wehr setzen." Das Wort Sprachschatz steht ironisch in Anführungszeichen. Der Wunsch ist, daß die DDR sich "offensiv abgrenzt von der mit Amerikanismen und Anglizismen durchsetzten Sprache, die in der imperialistischen BRD gesprochen und geschrieben wird". Und die Frage lautet: "Warum schützen wir unsere Sprache nicht vor dem Eindringen feindlicher Gedankengänge?"

So feindlich freilich scheinen die Beispiele nicht, die dann folgen, und mit Gedankengängen haben sie auch nicht recht was zu tun. Bemängelt wird, daß kosmetische Artikel auch in der DDR meist englische Namen haben, "For Men", "Pre Shave" und "After Shave"; daß es auch im DDR-Fernsehen "Life"-Sendungen, Features und Shows gibt, daß Schallplatten als "Singles" auf den Markt kommen und "Stars" ihre "Fans" haben. Daß man auch in der DDR "up to date" sein will und nicht auf der Höhe der Lokalzeit, mag schon bedenklicher stimmen, und daß auch drüben die "Nostalgie" grassiert, ist eine interessante Nachricht, die wir ebenfalls der "Weltbühne" verdanken.

Aber es wäre unangebracht, diese Sprachglosse, die ja keine ist, sondern doch ein politisches Signal, Indiz für eine ideologische Bemühung, hoffentlich nicht Vorzeichen einer DDR-Orthographie, bloß spöttisch zu glossieren. In dem Appell steckt ja auch eine Frage an uns Bundesbürger? Was macht den Reiz der vielen Fremdwörter aus, wie erklärt sich der enorme Anteil des Englischen, des Amerikanischen an unserem alltäglichen Wortschatz? Martin Walser hat schon vor zwölf Jahren in der "Zeit" darauf hingewiesen, daß dem Funktionärsjargon drüben bei uns die Überlagerung durch die Werbesprache gleichkommt. Da viele unserer Konsumartikel als Ableger aus Amerika kommen, haben sie entsprechende Namen. Bei den Medien zeigt sich abermals Vorsprung und Vormacht angelsächsischer Praktiken: Gewiß muß man nicht von Feature sprechen, wenn es sich um eine Reportage handelt, aber wenn eine Show zur Schau würde, wäre doch nichts mehr mit ihr los.