Von Lothar Ruehl

Den atlantischen Verbündeten, die wie gebannt auf den Nahen Osten starren und jeden Tag die sowjetischen Kriegsschiffe im Mittelmeer zählen, droht der Verlust ihrer Flankendeckung an den Meerengen des Bosporus. Seit dem griechisch-zyprischen Staatsstreich vom Juli 1974 hatten die Alliierten ein halbes Jahr Zeit, zu einer gemeinsamen Politik der Vermittlung und Beeinflussung in Ankara und Athen zu finden. Sie haben diese Zeit nicht genutzt – trotz der zeitweiligen Anstrengungen der amerikanischen Diplomatie, vor allem während der Atlantikratssitzung in Brüssel durch persönliche Gespräche zwischen Henry Kissinger und den Außenministern der Türkei und Griechenlands, wie sie ja auch in den zehn Jahren zuvor seit dem Beginn der Zypernkrise die Kraft nicht aufgebracht hatten, einen historischen Kompromiß zwischen den Bündnispartnern an der Südostflanke anzubahnen.

Die jüngste Krise des amerikanisch-türkischen Verhältnisses folgt auf den griechisch-amerikanischen Zwist vom vorigen Jahr. Während der von Griechenland ausging, hat die Krise zwischen Ankara und Washington ihren Ursprung in Amerika. Ihr Hauptgrund ist nicht so sehr in einem Gegensatz zwischen den außenpolitischen Interessen der Vereinigten Staaten und der Türkei zu suchen, obwohl ein solcher Gegensatz für die zyprische Lösung selbst besteht, sondern in den griechischen Reaktionen auf, die amerikanische Haltung und in dem griechischen Einfluß auf die amerikanische Innenpolitik. Er hat die politischen Vorurteile einer Mehrheit im US-Kongreß gegenüber dem türkischen Vorgehen auf Zypern verstärkt.

Die Gemeinde der griechischen Einwanderer ist in dieser Sache sehr wirksam geworden. Es ist ihr abermals gelungen, die türkischen Vorteile – militärische Überlegenheit, strategische Schlüsselstellung der Türkei an den Meerengen und im Nahen Osten – politisch zu neutralisieren, wie ihr das seit 1963 durch Druck auf das Bündnis, auf Westeuropa und auf Amerika immer wieder gelungen war.

Im Sommer 1974 mochte die griechische Militärregierung bei ihrer Verschwörung gegen den zyprischen Präsidenten Makarios wiederum erwartet haben, daß die Amerikaner die Türken zurückhalten oder notfalls mit Gewalt an einer Landung hindern würden Schließlich hatte Präsident Johnson der Türkei 1964 gedroht, er werde nicht nur die Rüstungshilfe und die Wirtschaftshilfe einstellen, sondern dem Lande auch den amerikanischen Schutz entziehen, falls ein türkischer Angriff auf Zypern zu Verwicklungen mit dritten Mächten führe.

Diese Drohung wurde damals in der Türkei als schwerer Affront empfunden. Sie tat zwar kurzfristig ihre Wirkung; langfristig allerdings verursachte sie auch eine Neuorientierung der türkischen Außenpolitik, die sich fortan deutlich von Amerika distanzierte, jedenfalls sich allen Unternehmungen . der amerikanischen Militärmacht von türkischem Boden aus versagte. Auch die Versuche einer Entspannung des Verhältnisses zur Sowjetunion und einer Wiederannäherung an die arabischen Staaten des Nahen Ostens und Nordafrikas waren eine Folge der Erkenntnis, daß die Türkei in Amerika nur bedingt einen Alliierten besaß – einen Verbündeten nämlich nur für gemeinsame Nato-Ziele, nicht aber für den Verfolg türkischer Nationalinteressen.

Im Sommer 1974, nach dem türkischen Eingriff auf Zypern, wiederholten sich die Ereignisse. Es wurde bald klar, daß die neue demokratische Regierung in Athen über Zypern stürzen konnte und deshalb in Verhandlungen keine größeren Zugeständnisse an die Türkei würde machen können. Deshalb war es die Hauptsorge der Verbündeten, die neue griechische Demokratie zu schonen, ihre Wahlchancen zu stärken und den schmalen Manövrierraum des Kabinetts Karamanlis in der Bündnispolitik zu achten. Aufs neue geriet Ankara ins Hintertreffen; und nirgends wurde dies deutlicher als an der Haltung des US-Kongresses, der die Einstellung der amerikanischen Waffenlieferungen an die Türkei betrieb.