Wer im Jahr der hundertsten Wiederkehr von Rainer Maria Rilkes Geburtstag die Erstveröffentlichung einer aus 66 großformatigen Blättern bestehenden Handschrift mit dem vom Dichter gewählten Titel „Das Testament“ liest, erwartet poetische oder private Enthüllungen oder doch ein Vermächtnis. Nichts dergleichen findet sich in der schönen Faksimile-Ausgabe der Handschrift samt Umschrift, die Ernst Zinn mit Erläuterungen und einem Nachwort im Insel Verlag herausgegeben hat (Rainer Maria Rilke: „Das Testament“; Insel Verlag, Frankfurt, 1975; 161 S., 42,– DM; in der Bibliothek Suhrkamp erscheint, als Band 414, eine einfache Textausgabe, 90 S., 9,80 DM). Die autobiographischen Dokumente, eine Folge längerer und kürzerer Bruchstücke und Briefentwürfe, sind im Frühjahr 1921 auf Schloß Berg am Irchel bei Zürich entstanden. Rilke quälte sich seit 1912 mit den „Duineser Elegien“. Ein neues Dokument dieser Lebens- und Schaffens-Krise ist „Das Testament“. Nach der Lektüre Kierkegaards und anderer moderner Philosophen und Theoretiker, nach den Schrecken des Ersten Weltkrieges war Rilkes konservatives Weltbild und die Sicherheit neuromantischer Literaturtradition zerbrochen. In einer langen Periode des Schweigens als Lyriker fand Rilke in den „Sonetten an Orpheus“ und den „Duineser Elegien“ seine neue Ausdrucksform. In den Monaten, die er in dem Schlößchen im Kanton Zürich wohnte, suchte er zudem, die Beziehung zu der befreundeten Malerin Baladine Klossowska („Merline“) in jenes delikate Gleichgewicht zu bringen, in dem allein er Zuneigung ertragen konnte. „Er floh vor ihr, indem er sie rief“, heißt es im „Testament“ einmal, in einer der charakteristischen Formeln für die Zuwendung bei gleichzeitiger Abweisung, für die auch der auf dieser Seite faksimilierte Briefentwurf ein Beispiel gibt. Für diesen Grundzwiespalt Rilkes, den „unversöhnlichen Konflikt zwischen Leben und Arbeit“, liefert „Das Testament“ weitere Beweise. R. M.