Die Siemens-Aktie war im vergangenen Jahr Umsatzspitzenreiter in den deutschen Börsensälen. Ihr Kurstrend hat sich allerdings von der allgemeinen Börsentendenz kaum absetzen können. Vom Jahreshöchstkurs des Jahres 1973 von 302 Mark für die 50-Mark-Aktie ist sie noch weit entfernt. Heute wird für sie an der Börse nur wenig mehr als 220 Mark bezahlt – und dies, obwohl das Haus Siemens für 1973/74 (30. 9.) einen wirklich glanzvollen Abschluß vorlegen kann. Nicht einmal die Hälfte des erwirtschafteten Gewinns braucht für die Dividende bereitgestellt zu werden. Sie von acht auf neun Mark zu erhöhen, scheint aber ernsthaft nicht erwogen worden zu sein, obwohl Vorstands Vorsitzender Dr. Bernhard Plettner auf der Bilanzpressekonferenz beteuerte, man habe lange über diese Frage nachgedacht.

Wer jedoch vor einem weiteren Abbau der Beschäftigtenzahl im Inland steht, wer 20 000 Mitarbeiter kurzarbeiten lassen muß, wird sich ungern öffentlichen Ärger wegen einer Dividendenerhöhung aufladen. Dafür müßten auch die Siemens-Aktionäre Verständnis aufbringen. Mit Dividenden sind sie ohnehin von ihrer Gesellschaft nie sonderlich verwöhnt worden. Der Standardsatz beträgt neun Mark auf die 50-Mark-Aktie. Um so überraschter war man an der Börse, als 1970/71 eine demonstrative Rücknahme auf sieben Mark erfolgte, ein Schock, der besonders innerbetrieblichen Nutzen stiftete und der im Hause Siemens heute noch nachwirkt. Jedenfalls ist das Renditebewußtsein dort sehr lebendig geblieben.

Die Vorteile der Siemens-Aktie liegen sicherlich nicht in der Jahresausschüttung. Großzügig war Deutschlands größter Elektrokonzern dagegen bei Kapitalerhöhungen. Die Tradition, junge Aktien zum Nennwert auszugeben, ist in der Vergangenheit lange durchgehalten worden. Was das für die langfristige Anlage in Siemens-Aktien bedeutet, macht der Vorstand im Geschäftsbericht deutlich. Wer im Geschäftsjahr 1960/61 Siemens-Aktien im Nennwert von 1000 Mark erwarb und aus Bezugsrechterlösen – ohne Einsatz weiterer Mittel – junge Aktien bezog, erhält jetzt je 50-Mark-Aktie eben nicht nur acht Mark, sondern 14,85 Mark je Aktie, weil die „kostenlosen“ jungen Aktien die Einnahmen erhöhen.

Aus diesem Blickwinkel, meine verehrten Leser, ist auch die jetzt vorgeschlagene Schaffung eines genehmigten Kapitals von 150 Millionen zu sehen, das den Aktionären zu einem noch zu bestimmenden Zeitpunkt zum Preis von höchstens 100 Mark je 50-Mark-Aktie im Verhältnis 10:1 angeboten werden soll. Der Ausgabekurs von 200 Prozent ist für Siemens sicherlich hoch, vergleichsweise aber niedrig – eine gewisse Entschädigung für den Verzicht auf eine höhere Dividende.

Die Siemens-Dividenden- und Kapitalbeschaffungspolitik, so wird von Kritikern gesagt, sei darauf abgestellt, der Familie Siemens den Bezug junger Aktien zu erleichtern, damit sie in der Lage ist, ihren Kapitalanteil in bisheriger Höhe aufrechtzuerhalten. Diese These mag stimmen. Aber haben die insgesamt etwa 350 000 Siemens-Aktionäre deshalb Schaden genommen? Gerade in diesen Tagen zeigt sich die Nützlichkeit eines stabilisierenden Elementes in der Aktionärsstruktur. Das Haus Siemens braucht sich über einen unerwünschten ausländischen Einfluß vorerst keine Sorgen zu machen, obwohl bereits etwa 30 Prozent des 1410 Millionen Mark betragenden Aktienkapitals im ausländischen Besitz sind – allerdings verteilt auf rund 45 000 ausländische Aktionäre.

Mit Hilfe der Familie Siemens, ihrer drei Stiftungen und der 34,33 Millionen mit einem sechsfachen Stimmrecht ausgestatteten Vorzugsaktien ist auf der Siemens-Hauptversammlung eine sogenannte „Präsenz-Schachtel“ vertreten, also rund 25 Prozent der jeweils vertretenen Stimmen, die für die Verwaltung unangenehme Überraschungen verhindern kann. Die Mehrstimmrechtsaktien gehören zwar der Siemens-Familie, sie liegen aber bei der Gesellschaft selbst und stärken damit die Stellung des Vorstandes.

Vom Standpunkt eines „reinen“ Demokratieverständnisses sind Mehrstimmrechtsaktien natürlich ein Unding. Die Neueinführung solcher Aktien hat der Gesetzgeber im Aktiengesetz von 1965 auch eingeschränkt und von einer besonderen Genehmigung abhängig gemacht. Siemens hat nun beantragt, im Zuge der geplanten Kapitalerhöhung auch anteilige Vorzugsaktien ausgeben zu können. Ohne Zögern haben sowohl die bayerische Staatsregierung als auch der Berliner Senat die Genehmigung erteilt. Da die „Bindungsgemeinschaft“ – das sind drei Siemens-Stiftungen und etwa 60 Familienmitglieder – erklärt hat, an ihrer traditionellen Bindung zum Haus Siemens festhalten zu wollen, ist für Siemens die Unabhängigkeit gewährleistet. Außerhalb der Familie gibt es kein namhaftes Paket.