Von Ute Blaich

Er hat die Statur eines Holzfällers, den melodischen Singsang eines Elsässers, das blitzschnell funktionierende Gehirn einer IBM-Maschine. Er redet englisch, zählt französisch, flucht und singt deutsch. Er bewundert Ingres, liebt Grünewald, kann zynisch sein und zart, lacht wie ein Kind, und sein Stift ist so gefährlich wie ein Sprengsatz.

Tomi Ungerer, Cartoonist, Werbezeichner, Kinderbuchautor, 44 Jahre alt, Flüchtling aus New York, hatte nach 15 Jahren Erfolg und einer Traumkarriere in der Madison Avenue, Parties, Pop und Porno satt, machte sein amerikanisches Testament (das Buch „Fornicon“) und emigrierte in die Wildnis nach Nova Scotia, Kanada.

Aus der Zeit zwischen 1956 und 1971 sind jetzt 146 Zeichnungen beim Diogenes Verlag unter dem Titel „America“ erschienen (144 S., 24,– DM). Teile daraus, Zyklen aus „The Party“, „Fornicon“, „Danse Macabre“ und Kinderbuchillustrationen werden in einer großen Retrospektive im Museum Aarau ab 14. Februar zu sehen sein. An leidenschaftslosen Hülsen ohne Hirn zeigt Ungerer, wie Menschen statt zu leben nur funktionieren. Im Getriebe einer rasend rotierenden Gesellschaftsmaschine werden sie selbst zu Apparaten: verschlissen oder verschlagen. Zum Beispiel der „Insurance Man“ – Nase, Knopf, Hose, Hosenknopfnase, kurze fleischige Pfoten, ein mittelmäßiger Schweinskopf, dessen resolute Geschäftstüchtigkeit zur obszönen Körpergeste wird. Oder das „Beach Girl“ – viel Fleisch in ein Badekorsett gestopft, Hornissengläser, ein erwartungsvoll dummes Gesicht; lackierte Spinnenfinger lauern auf wabbeligen Schenkeln. „Happiness is Middle-Class“ – ein stupides Paar mit synchron geschaltetem Lächeln. Saft, fett, leer – selbst lüstern noch lustlos, so führt Ungerer seine Schreckfiguren auf.

Bevor ihn Dollars oder Erfolg kaputtmachen konnten, floh Ungerer zu den Wilden nach Lockeport, Nova Scotia, und sagt heute über seine Jahre in Amerika: „Ich war damals ein bißchen verrückt. Ich habe New York geliebt. Das war Stimulation, ganz phantastisch Ich habe zu schnell gelebt, aber viel gelernt. Ich war eigentlich kein Mensch, sondern eine Maschine, eine Geldmaschine.“

Abscheu und Mitleid nebeneinander – das hat er mit Céline gemeinsam, seinem Lieblingsschriftstellern Ungerers Bleistift-Satiren sind rabiat, böse und von großer handwerklicher Präzision. Weil er sich bei allem Ekel vor dem mechanisierten Menschen nicht freimachen kann von „compassion“, weil er dennoch betroffen ist, steckt er manchen Pointen ein Makrönchen an die Säbelspitze, wie dem Monsieur Racine, einem pensionierten Kinderbuch-Helden. Katastrophe und Witz sagen sich gute Nacht.

Ungerers scheinbare Distanz ist ästhetische Disziplin. Dahinter liegen Verwundungen, „Der eine geht auf den Abort, und ich mach’ meine Zeichnungen. Das ist dasselbe.“