Von Jürgen Kramer

Washington, im Februar

Es kommt nicht von ungefähr, daß sich sein Name vielen Amerikanern vor allem mit einer Gesetzesvorlage eingeprägt hat, dem „Jackson Amendment“. Denn Henry M. Jackson ist nun einmal kein Politiker mit persönlicher Ausstrahlungskraft, dessen Name leicht ein Markenzeichen werden könnte. Der demokratische Senator aus dem an der Westküste gelegenen Bundesstaat Washington weiß genau, daß der Weg ins Weiße Haus, ja schon der bis zum Wahlkonvent seiner Partei ohne ein nicht einmal in Spurenelementen vorhandenes Charisma sehr beschwerlich sein wird. Er kann nicht sicher sein,, ob bis zum Sommer 1976 das Verlangen nach einem faszinierenden Präsidentschaftskandidaten nicht doch wieder so stark sein wird, daß seine Solidität nicht mehr gefragt ist.

Im Augenblick aber kommt der Typ, den Jackson repräsentiert, der Stimmung der Nation entgegen. Er ist fleißig, sachkundig, durchsetzungsfähig und glaubwürdig, sofern dies Politikern zur Zeit überhaupt in Amerika attestiert wird. Nie hatte Jackson eine bessere Chance, sich den Demokraten als Kandidat zu empfehlen, als jetzt, wo sich das Land von Watergate zu erholen sucht und die Präsidentschaft ihren Mythos verloren hat. Darum auch hat Jackson seine Anwartschaft bereits eineinhalb Jahre vor dem Wahlparteitag der Demokraten angemeldet.

Nachdem die Senatoren Edward Kennedy und Walter Mondale das Feld geräumt haben, will er das Terrain so breit wie möglich absichern. Zwar sagt er mit taktisch kalkulierter Zurückhaltung, es – gebe diesmal keinen „frontrunner“ – eine Rolle, die vor den letzten Wahlen Edmund Muskie übernommen hatte und an der er gescheitert war. Tatsächlich aber will Jackson eben jener Spitzenreiter sein, Weil er nur zu gut weiß, daß seine Stärke nicht im Endspurt liegt.

Damit er sich nicht zu früh verschleißt, will Jackson, „keine Kampagne mit Wahlshows und Slogans“ führen, sondern sich weiterhin auf jenem Forum profilieren, das ihm schon bisher als Sprungbrett für seine politische Karriere diente – dem Kapital. Der 62jährige Jackson gehört dem Kongreß seit 32 Jahren an. Er hat sich in dieser Zeit die Reputation eines Mannes erworben, der stets zur rechten Zeit auftauchte, um die Sahne abzuschöpfen. Kein Senator wie er ist so allgegenwärtig. Dieses Talent hat ihm den Spitznamen „Scoop“ eingetragen. Ob es um Fragen der Außen- oder Verteidigungspolitik, der Energie-, Sozial- oder Umweltschutzgesetzgebung geht – Jackson ist das Sprachrohr der Befürworter oder der Kritiker, meist freilich der Kritiker.

Diese Kunst, auf allen Hochzeiten zu tanzen, geht freilich bisweilen auf Kosten der politischen Geradlinigkeit. So fand man Jackson im Lager der Umweltschützer, zugleich aber auch in den Reihen der Protagonisten des von den Umweltschützern bekämpften und vom Kongreß schließlich torpedierten Überschall-Verkehrsflugzeugs. Auf der einen Seite wetterte er gegen Macht und Profit der einheimischen Ölkonzerne, auf der anderen Seite beschützte er die Luftfahrtindustrie, deren Geschäftspolitik nicht minder zwielichtig ist. Trotz solcher Widersprüchlichkeiten hat Jackson bisher das Kunststück fertiggebracht, nicht gleich als Opportunist denunziert zu werden. Das gelang ihm vor allem deshalb, weil sein Image eines innenpolitisch relativ liberalen und außenpolitisch konservativen Politikers den Vorstellungen vieler entgegenkam.