Warum die amerikanische PanAm den Umzug in den neuen Flughafen verzögert

Das harte Pokern um die Benutzung des neuen Berliner Flughafens Tegel ist in eine neue, kritische Phase gekommen. Noch geben sich alle Beteiligten gelassen, aber wenn eintritt, was derzeit bei Pan American World Airways erwogen wird, dann wäre West-Berlin um eine weitere Investitionsruine reicher. Der Tegeler Flughafen, im vergangenen Oktober eingeweiht und seitdem nur von der Air France und den Chartergesellschaften benutzt, sollte im April auch den gesamten Linienverkehr von Pan Am und British Airways aufnehmen. Dann wäre der modernste Flughafen Deutschlands, der rund 400 Millionen DM gekostet hat, fast bis an die Grenze seiner Kapazität ausgenutzt worden.

Doch nun heißt es plötzlich bei Pan Am, "von außen" sei die Frage an die Gesellschaft herangetragen worden, ob sie nicht doch in Tempelhof bleiben sollte. Dies werde geprüft, aber die Planungen für den Umzug gingen weiter. Noch Anfang Februar hatte der Berliner Pan Am-Direktor Gallagher die Vorzüge von Tegel in den leuchtendsten Farben geschildert: Tegel sei nebelfreier als Tempelhof, gestatte wegen der Länge der Startbahnen und der Hindernisfreiheit Nonstop-Jumbo-Transatlantikflüge und Landungen auch bei stark verringerten Sichtverhältnissen.

Wer nun "von außen" Einfluß nimmt, und was hinter der plötzlichen Unsicherheit steckt, das ist niemandem so recht klar. Mitte dieser Woche wurde zwischen Flughafengesellschaft und den Luftfahrtunternehmen über die Höhe der Mieten in Tegel verhandelt. Es mag sein, daß durch die Gerüchte über den Unwillen der PanAm, nach Tegel umzuziehen, das Entgegenkommen der senatseigenen Flughafengesellschaft stimuliert werden sollte. Außerdem ist PanAm, die sich Hoffnung auch auf das über Tegel gehende Chartergeschäft machte, hier von der Konkurrenz wieder ausgebootet worden. Damit fiel einer der Gründe für den Umzug – Zusammenlegung der Bodendienste für Charter- und Linienflüge – weg.

Die Überlegungen, in Tempelhof zu bleiben, werden zweifellos dadurch stimuliert, daß sich PanAm mit ihrer Konkurrentin British Airways darauf geeinigt hat, nicht mehr sämtliche Zielflughäfen in Westdeutschland von beiden Gesellschaften anfliegen zu lassen. Die Streckenaufteilung würde es ermöglichen, daß PanAm in Tempelhof bleibt und British Airways nach Tegel umziehen kann, ohne daß zu befürchten wäre, die Berliner würden schließlich nur einen Flughafen und damit nur eine Gesellschaft bevorzugen.

Diese Aufteilungspläne sind von den zuständigen Luftfahrtattachées der Westmächte aber noch ebensowenig genehmigt worden wie eine neue Flugpreiserhöhung, die dritte seit Februar 1974. Deshalb hat die British Airways auch sogleich erklärt, auch sie würde nicht nach Tegel gehen, wenn Pan Am in Tempelhof bliebe. Bisher habe man auch nur Absichtserklärungen abgegeben, meinen beide Gesellschaften.

Berlins Wirtschaftssenator König dagegen erinnert sich, im Herbst auf eigene Rechnung Sekt gekauft zu haben, um mit Vertretern beider Gesellschaften auf die erfolgte Einigung, anzustoßen. Die schriftlich übergebene Zustimmung für den Umzug kostet den Senat rund zehn Millionen an Umzugsbeihilfen und Mietsubventionen. Im Wirtschaftssenat wird darauf hingewiesen, daß – bliebe PanAm in Tempelhof – die im Einflugbereich dieses Flughafens abgebrochenen Lärmschutzmaßnahmen wieder aufgenommen werden müßten. Das würde Millionen kosten, für die dann, so drohen die verärgerten Senatsbeamten, die PanAm verantwortlich gemacht werden soll. Joachim Nawrocki