• Ändert sich angesichts der Wirtschaftskrise das Verhältnis von Staat und Unternehmen? Rückt die Wirtschaft wieder in eine stärkere Position?

Pieroth: Wenn von den Unternehmern zu Recht verlangt wird, daß sie politische und soziale Fragen stärker in ihre Überlegungen einbeziehen sollen, dann muß man umgekehrt vom Staat verlangen, daß er bei seinen Entscheidungen die wirtschaftlichen Bedingungen mehr beachtet. Die Zeiten, in denen Politiker die „Belastbarkeit der Wirtschaft“ einfach mal erproben wollten, sind hoffentlich vorbei. Wir erleben zur Zeit die „Wiedergewinnung des ökonomischen“ und eine wieder zunehmende Anerkennung des marktwirtschaftlichen Systems.

  • Viele Unternehmer haben jetzt wieder das Gefühl, „Herr im Hause“ zu sein. Hat die Krise die Stellung des Unternehmers gestärkt?

Pieroth: Die Rezession läßt die Bedeutung der unternehmerischen Leistung für die Gesellschaft wieder deutlicher hervortreten. Doch darin liegt auch eine Herausforderung: Die Unternehmer können und müssen jetzt beweisen, daß sie auch in einer solchen Situation ihre gesellschaftspolitischen Aufgaben nicht vergessen. Zwar braucht die Gesellschaft zur Zeit nichts dringender als die Investitionen der Unternehmer, aber damit allein ist es nicht getan. Es besteht allerdings die Gefahr, daß diejenigen, die noch nie etwas mit Reformen und gesellschaftspolitischen Fortschritten im Sinne hatten, sich jetzt hinter dem Vorwand der „knappen Mittel“ verstecken.

  • Was kann nach Ihrer Ansicht auch in einer Zeit der „knappen Mittel“ getan werden, um die sozialen Beziehungen in den Betrieben zu verbessern?

Pieroth: Da ist einmal die Mitarbeiterbeteiligung, die bei uns schon seit 1967 mit Erfolg praktiziert wird. Leider gibt es bisher nur relativ wenige Unternehmen, die dies auf freiwilliger Basis tun. Sie überlassen dieses Feld damit der Initiative der großen Machtgruppen in unserer Gesellschaft. So wird die Chance vertan, als Unternehmer hier die Entwicklung mitzugestalten.

  • Welche Möglichkeiten sehen Sie noch, gerade jetzt auch sozial etwas zu unternehmen?