Von Klaus-Peter Schmid

oulouse, im Februar

Was der Geheime Rat Goethe wohl dazu sagen würde? Da präsentiert das Goethe-Institut der Stadt Toulouse den Franzosen einen deutschen Monat und kommt ihnen mit Moderne und Avantgarde. Kein Goethe, Schiller oder Lessing, statt dessen ein kurioser Autor namens Stramm. Kein Mozart, Beethoven oder Wagner, dafür der Musikclown Mauricio Kagel. Und zu allem Überfluß auch noch Deutschlands Jungfilmer wie Schröter, Schlöndorff, Herzog, die ketzerische Architekturausstellung Profitopolis und das Allerletzte von der Malerei mit dem neuen deutschen Realismus.

Einen Monat lang deutsche Kultur für Toulouse: Mit 380 000 Einwohnern Frankreichs viertgrößte Stadt, mit 35 000 Studenten wichtigste Universität nach Paris. Stolz meldet der Stadtführer, hier gebe es "ein unendlich intensiveres Kulturleben als in irgendeiner anderen Provinzstadt". Immerhin mußte neulich bei Beethovens Neunter der Sportpalast wegen Uberfüllung polizeilich gesperrt werden.

Natürlich hat Toulouse auch die obligatorische "Taverne Bavaroise", die bayerische Bierkneipe, in der Sauerkraut als deutsche Volksnahrung angepriesen wird. Es gibt ein schlecht untergebrachtes, aber rühriges Goethe-Institut, das sich seine Sprachschüler wegen des großen Andranges aussuchen kann. Es gibt 600 Studenten, die an der Deutsch-Fakultät Goethes Sprache lernen, und ein paar Dutzend deutsche Romanisten, die an der Universität durch ein Plakat auf sich aufmerksam machen: "Schluß mit dem heilen Deutschlandbild à la Alfred Grosser".

Schließlich fehlt auch nicht die deutsche Kolonie: Vornehmlich für das europäische Gemein schaftsflugzeug Airbus abgestellte Ingenieure, die sich über mangelnden Anschluß beklagen, meist aber nicht bereit sind, französisch zu lernen. Nichts leichter also, als ein Programm für Berufs- oder Gefühlsdeutsche abzuwickeln? Das sind nicht die Kunden, auf die es die Goethe-Leute abgesehen haben. Allerdings können sie ihr Wunschpublikum auch nicht präzise umschreiben. Da ist von "möglichst jungen Leuten" die Rede, von "sozialen Aufsteigern", aber auch von "möglichst verschiedenen Zielgruppen".

Hochgebildete Eliten sind relativ uninteressant, ebenso das Smoking- und Abendkleid-Establishment, dem die Stadt Toulouse ursprünglich mittels deutscher Unterstützung ein paar glanzvolle Abende (etwa große deutsche Oper mit Buffet) bescheren wollte. Natürlich hat das Goethe-Institut zuallererst eine Deutschland-Kultur im Sinn. Natürlich soll ein deutscher Monat auch auf die Existenz des Toulouser Instituts hinweisen. Doch ein dritter Faktor ist mindestens genauso wichtig: das Gewinnen von Partnern, auf die man auch nach dem Festprogramm zählen kann.