Von Theo Sommer

Moskau, im Februar

Den beiden Ehrenposten am Eingang des Lenin-Mausoleums hängt der Atem wie eine Kristallwolke vor dem Mund, ihre jungen Gesichter sind blaurot vor Kälte. Am Ende ist der Winter doch noch gekommen in Moskau, mit Schnee und Eis und 16 Grad minus. Wie frostige Seide spannt sich der Himmel über dem Roten Platz. Die lange Schlange der vermummten Gestalten, die dem toten Revolutionär in seinem Glassarkophag ihre Reverenz erweisen wollen, schiebt sich geduldig an der abweisenden Backsteinkulisse der Kremlmauer vorbei. Die Ampeln am Spasskij-Turm, der Einfahrt für Regierungsfunktionäre und Parteigrößen, steht auf Rot.

Werden sie zuweilen auf Grün geschaltet – für den Generalsekretär Leonid Iljitsch Breschnjew?

Niemand in Moskau weiß Genaues. Nach einer Version kommt Breschnjew jeden Tag in die Kremlklinik, nach einer anderen hält er sich auf seiner Datscha außerhalb Moskaus auf. Daß er krank war, steht außer Zweifel, wenn auch über die Natur seiner Erkrankung ganz Widersprüchliches vermutet und verbreitet wird: Zahnfleischentzündung, Kieferkrebs, Leukämie, Herzanfall, Grippe, verschleppte Bronchialinfektion. Sowjetische Staatsmänner betrachten derlei als Privatsache; sie haben nicht die Unbekümmertheit amerikanischer Präsidenten, die ihre Krankengeschichten veröffentlichen lassen und vor der Presse ihre Operationsnarben zur Schau stellen.

Das kleine Häufchen westlicher Beobachter an der Moskwa hält eine schwere und hartnäckige Erkältungskrankheit für den wahrscheinlichsten Befund, glaubt allerdings auch, einige Tage lang habe es wohl sehr schlecht um den Parteiführer gestanden. Angeblich wollte Breschnjew schon vor einiger Zeit wieder an seinen Schreibtisch zurückkehren, doch verschrieben ihm die Ärzte noch zwei Wochen Schonung. "Wer weiß, vielleicht ist er schon wieder auf Wildschweinjagd", sagte ein prominenter sowjetischer Wissenschaftler. Und einem Besucher aus der Bundesrepublik erklärte ein hochrangiges Mitglied des ZK-Apparates: Der britische Premier Harold Wilson, der diese Woche nach Moskau kommt, werde gewiß vom Generalsekretär empfangen werden.

Im übrigen deutet nichts darauf hin, daß Breschnjew in politischen Schwierigkeiten ist. Am Rigaer Bahnhof prangt groß sein Porträt. Seine Schrift "Für Frieden und Sozialismus" liegt allenthalben aus. Die Abendnachrichten des Fernsehens beginnen fast täglich mit einer Meldung, daß Breschnjew einer verdienten Melkerin oder einer erfolgreichen Werft ein Grußtelegramm gesandt habe. Es werden sogar, ganz unmotiviert, jahrealte Filme gezeigt – vom Besuch in Kuba oder der rituellen Unterzeichnung des bei einer inzwischen abgeschlossenen Umtauschaktion neu ausgestellten Parteibuches Nr. 1, das traditionsgemäß Lenin vorbehalten ist. Ein Teilnehmer des Bergedorfer Gesprächskreises wurde vor einem Interview von dem sowjetischen Reporter ausdrücklich gebeten, er möge doch den Genossen Breschnjew erwähnen, wenn es sich irgendwie machen lasse; und auch in der Aussprache fiel der Name des Generalsekretärs immer wieder.