Die schwere Krise in den USA kfinn auch für die Bundesrepublik ernste Folgen haben

Arbeitskämpfe, mahnte Bundeskanzler Helmut Schmidt die Tarifparteien, sollten jetzt unter allen Umständen vermieden werden. Sie hätten uns auch gerade noch gefehlt. Die Wirtschaftslage ist bei über einer Million Arbeitslosen und 900 000 Kurzarbeitern sowie immer noch sechs Prozent Inflation auch ohne heiße soziale Auseinandersetzungen kritisch genug.

Daher muß alles vermieden werden, was die Stellung der deutschen Wirtschaft auf den Weltmärkten gefährden könnte – sei es hinsichtlich der Preise, der Einhaltung von Lieferfristen oder gar der Qualität der Produkte. Immerhin hängt jeder sechste deutsche Arbeitsplatz am Export.

Auf vielen Auslandsmärkten sieht es ohnehin düster aus. Vor allem über der Wirtschaft der USA, mit ihrem großen Gewicht im Welthandel, ziehen sich immer dunklere Wolken zusammen. Die jüngsten Ergebnisse der Arbeitslosenstatistik waren selbst für eher pessimistisch gestimmte Fachleute in den USA ein Schock: Mit 7,5 Millionen Amerikanern oder 8,2 Prozent aller Beschäftigten erreichte die Arbeitslosigkeit den höchsten Stand seit 33 Jahren. Nicht einmal davon, daß wenigstens der Inflation ein Dämpfer aufgesetzt worden sei, kann bei zwölf Prozent Preissteigerung die Rede sein.

Und was noch schlimmer ist: Weder die Gewerkschaften noch die Wirtschaft trauen dem gegenwärtigen Präsidenten die Kraft und die Einsicht zu, das Land aus der Krise herauszuführen. Gerald Ford fehlen im Kongreß die notwendige Unterstützung und im Weißen Haus die richtigen Berater. Die Wirtschaftsexperten, die er um sich versammelt hat, zählen nicht immer zur ersten Garnitur und sind zudem untereinander heillos zerstritten. Mehr als die müde Erklärung, daß er die weitere Entwicklung aufmerksam verfolgen werde und notfalls nicht zögern wolle, mit geeigneten Maßnahmen zu intervenieren, hielt Ford nach den jüngsten Hiobsbotschaften für die Amerikaner nicht bereit.

Niemand in der Bundesrepublik hat Einfluß darauf, was in den nächsten Monaten in den USA geschieht. Die Amerikaner müssen ihre Probleme selber lösen. Dennoch wird die Krise in den USA ihre Schatten auch auf Europa und die Bundesrepublik werfen. Diejenigen, die beispielsweise bei VW ihren Arbeitsplatz verloren haben oder kurzarbeiten müssen, wissen bereits ein Lied davon zu singen, wie sich eine Depression jenseits des Atlantiks auf deutsche Arbeitsplätze auswirkt.

Hierzulande können wir nur versuchen, die Probleme, die von außen auf die Bundesrepublik zukommen, nicht durch eigenes Fehlverhalten zu verschärfen. Die Mehrzahl der Arbeitnehmer hat dies offenbar verstanden. Anders ist die große Besonnenheit kaum zu erklären, mit der sie den Sprung der Arbeitslosenzahlen über die Millionengrenze und selbst die nicht gerade mit den feinsten Methoden geführten Tarifauseinandersetzungen in der Metallindustrie verfolgen. Daher sollten die Unternehmer jetzt peinlichst vermeiden, ihre angesichts der Arbeitsmarktlage stärkere Stellung in unfairer Weise auszunutzen (siehe auch Interview Seite 40). Nie war ihre Chance so groß, soziales Verantwortungsbewußtsein zu beweisen, wie jetzt. Michael Jungblut