ARD, Sonnabend, 8. Februar: „Der Komponist und die Muse“, polnischer Zeichentrickfilm

Der Film dauerte zehn, Minuten: Ein Mann mit wallender Mähne, großen Augen und höchst musikalischen Ohren sitzt am Flügel und beschreibt Notenpapier. Das Zimmer, in dem der Mann arbeitet (genauer: zu arbeiten versucht), ist kahl – eine Künstlermansarde, in die der Mond scheint. Doch dessen Licht spendet so wenig Trost wie die klägliche schirmlose Birne über dem Flügel. Der Komponist ist verzweifelt, ringt die Hände, fleht den Himmel an – aber was er auch tut: der Haufen Notenpapier vor ihm wird immer. kleiner, der Haufen auf der Erde, alles Makulatur, alles von wilden Strichen zerfetzt, schwillt mehr und mehr an.

Da plötzlich schwebt eine Gestalt durch das Fenster, eine Muse in schlichtem Gewand, und spielt dem Meister, mit der Harfe, vor, was er zu komponieren hat – und siehe, der Meister ist dankbar. Er vernagelt das Zimmer, stürmt die Treppe hinunter, läuft aus dem Haus, eilt in eine Boutique und kauft seiner Muse, die darob erneut in den Lüften zu spielen beginnt, ein kostbares Kleid. Der Vorgang wiederholt sich – immer mehr Kleider, immer mehr Möbel; aber die Muse ist träge geworden. Watschelnd stolziert sie im Zimmer umher: unfähig, sich auch nur für Sekunden in die Lüfte zu schwingen.

Den Komponisten beginnt es, in seiner Bürgerwohnung, zu grauen: Statt der Muse im Nachtkleid hat er ein Neckermann-Muttchen an seiner Seite – eine Bourgeoise, die nicht mehr schweben, ja, nicht einmal mehr gehen kann: Träge sitzt sie an der Seite des zum Philister gewordenen Komponisten a. D., kaut und schlürft und rührt sich nicht, als derjenige, der schon längst sein Zimmer nicht mehr zu vernageln braucht, am Ende Tür und Fenster öffnet: Husch, fort mit dir. Warum gehst du nicht hinaus, wie du hineingekommen bist?

Aber Muttchen bleibt sitzen. Das letzte Bild zeigt die Veränderung der Lage an: Statt der Spartanerklause – ein Wohnzimmer mit Rüschen und Plüsch. Statt der schwebenden Muse – die Schlagsahne-Frau. Statt, holder Kunst – der Bürgermief. Nur der Mond scheint noch genauso wie am Anfang des Films.

Wie gesagt, der Film dauerte zehn Minuten und war. das, was man eher verächtlich als Füllsel bezeichnet. Aber dieses Füllsel war von einem Witz, einer Lustigkeit, einem Charme und einer Vieldeutigkeit (die Interpretation, die ich angeboten habe, ist keineswegs die einzig mögliche), daß der Betrachter am Bildschirm am Ende versucht war, in die Hände zu klatschen und „da capo“ zu rufen.

Warum, frage ich mich, kann man eine Phantasie wie diese nicht auch einmal zu einer besseren Sendezeit bringen: zum Beispiel am Abend um viertel nach acht? Das, Programmacher, wäre doch mal eine Tat! Da könntet ihr zeigen, daß ihr das Publikum für intelligenter haltet, als man nach dem Farcenprogramm der Karnevalswochen annehmen könnte.