An Hilfsbereitschaft fehlte es nicht: Nach der Trauerfeier für den Festivalleiter Will Wehling forderte Walther Schmieding die anwesenden Journalisten auf, sich für den Fortbestand der Westdeutschen Kurzfilmtage einzusetzen, und der Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann bot der Stadt Oberhausen an, in diesem Jahr das Festival kommissarisch zu leiten. Nach der Filmwoche soll dann die Position ausgeschrieben werden. Hoffmann will wenigstens vorübergehend einer Institution Kontinuität garantieren, die er 1954 gegründet und bis zu seinem Wechsel nach Frankfurt Anfang der siebziger Jahre geleitet hat.

Wird das bedeutendste Kurzfilm-Festival der Welt bestehen bleiben? Die absolute Mehrheit der Sozialdemokraten im Stadtrat von Mehrheit sen steht, wenn auch wenig engagiert, nach wie vor zu den Internationalen Kurzfilmtagen. Entschieden über das Fortbestehen des Festivals wird einen Tag vor Beginn der diesjährigen Festspielwoche, die vom 5. bis 10. Mai dauert. Am 4. Mai finden in Nordrhein-Westfalen kombinierte Kommunal- und Landtagswahlen statt, und wenn die CDU in Oberhausen die Kommunalwahlen gewinnt, dann sollen die Westdeutschen Kurzfilmtage nur noch in zweijährigem Turnus veranstaltet werden.

Freundlich waren die Christdemokraten dem Filmfestival nie gesonnen. Ihre Innenminister Schröder und Lücke verweigerten Oberhausen Zuschüsse mit einer Begründung, die nur CSU-Innenminister Höcherl offen aussprach, als er den Treffpunkt der Cineasten aus Ost und West ein „rotes Festival“ schalt. Daß nach dem ersten „Tauwetter“ der Gomulka-Ära in Oberhausen Regisseure wie Roman Polanski und Jan Lenica debütierten, nahm man in Bonn ebensowenig zur Kenntnis wie den „Prager Frühling“, der sich bereits 1966 im tschechoslowakischen Festivalprogramm ankündigte. Filme aus der damals noch „sogenannten“ DDR, aus der Sowjetunion und auch sicherlich das Manifest der westdeutschen Jungfilmer 1962 („Papas Kino ist tot“) paßten nicht in die vom Kalten Krieg und kulturpolitischen Muff beherrschte Landschaft.

Mitte der siebziger Jahre dürfte es sich freilich auch die Oberhausener CDU nicht mehr leisten, die Filmwoche ganz abzuschaffen. Nach dem Abbau des Sprechtheaters durch die SPD würde die Stadt völlig in die kulturelle Provinz versinken, Die Pläne der CDU, den städtischen Etat von 350 000 Mark einzusparen (die restlichen 280 000 Mark für das Festival kommen durch Bundes- und Landeszuschüsse zusammen), gefährden indes die Existenz der Filmwoche,

Hilmar Hoffmann weiß, daß die Bedeutung des kurzen Films und seiner Festivals stark gesunken ist. Er wird die Leitung in diesem Jahr nur unter der Bedingung übernehmen, daß die Stadt ihm die volle politische Verantwortung überträgt. Er möchte neue Quellen für die Auswahl nutzen und die sozial engagierten und formal interessanten Filme aus Lateinamerika nach Oberhausen bringen. Diese Arbeiten sollen einem von öden linken Bekenntnisstreifen bundesdeutscher Provenienz und hundertfach variierten Parabelfilmen aus dem Ostblock gelangweilten Publikum wieder die Möglichkeiten des Kurzfilms vorführen. Vielleicht gelingt es dem auf Zeit heimgekehrten Gründer der Kurzfilmtage, das diesjährige Festival zu retten; Hoffmann wird aber kaum das Fortbestehen der Filmwoche gewährleisten können.

Kurz vor seinem Tod gab Will Wehling dem Westdeutschen Rundfunk ein Interview, in dem er ebenfalls für eine Kontinuität in Oberhausen plädierte: „Der Kurzfilm hat eine Zukunft. Seine Krise trifft allerdings einige Länder, sehr, hart, vor allem die Bundesrepublik, wo man kaum noch Kurzfilme in den Kinos sieht. Die Filmförderungspolitik ist miserabel. Aber das ist nicht überall so: Nicht nur in den sozialistischen und skandinavischen Ländern, sondern auch in Kanada gibt es eine Kurzfilmproduktion, die ihren Sinn hat. Vor allen Dingen gibt es dort eine Abspielbasis, ein kommerzielles und nichtkommerzielles Verleihsystem, die den Kurzfilm einsetzen. Es geht nicht allein um die Produktion von Kurzfilmen, sondern es ist genauso wichtig, daß man den Kurzfilm an den Mann bringen kann, daß es Kinos gibt, in denen man ihn zeigt.“

Will Wehling war auch gegen die CDU-Pläne: „Ein zweijähriger Turnus würde das Ende dieses Festivals bedeuten: erstens, weil die Stadt Mannheim, die ein ähnliches Festival durchführt, nicht bereit ist, mit Oberhausen zu alternieren – man hat sich dort immer mehr auf den abendfüllenden Film spezialisiert – zweitens würden die Filmemacher in dem Jahr, in dem in Oberhausen kein Festival stattfindet, ihre Filme nach Leipzig, nach Grenoble, nach Krakau geben, also auf Festivals, die bisher eindeutig im Schatten von Oberhausen gestanden haben.“

Peter J. Bock