Frankreich forciert den Bau von Kernkraftwerken, um seine Abhängigkeit von Ölimporten zu vermindern.

Drei Tage berieten in Paris die in der Internationalen Energieagentur zusammengeschlossenen großen Ölverbraudierstaaten über das Ölproblem – nur Gastgeber Frankreich glänzte durch Abwesenheit. Die Franzosen glauben nämlich immer noch, im Falle eines ölboykotts die Probleme am leichtesten allein meistern zu können. Trotzdem suchen auch sie nach Ersatzenergien: Der Bau von Kernkraftwerken wird stark forciert.

Bisher produzieren sechs Werke Atomstrom, acht sind noch im Bau. Jetzt hat Staatspräsident Giscard d’Estaing entschieden, daß 1976 und 1977 zwölf weitere Kernkraftwerke entstehen. In zehn Jahren sollen nur noch 40 Prozent des Primärenergieverbrauchs vom Erdöl gedeckt werden, während es heute noch 66 Prozent sind. In der gleichen Zeit will die Bundesrepublik ihren Anteil von 55 Prozent auf 44 Prozent senken. Die Atomenergie soll nach Plänen des französischen Staatspräsidenten ihren Anteil bis zum Jahr 1985 von drei auf 25 Prozent (Bundesrepublik: 15,8 Prozent) steigern.

Giscard hätte am liebsten für noch mehr Atomstrom gesorgt. Doch auch in Frankreich laufen die Umweltschützer bereits gegen jedes neue Kernkraftwerk Sturm. Ihr Unmut hat neue Nahrung bekommen, nachdem die Energieplaner auch in der Nähe von Paris zwei Atommeiler bauen wollen. Die Skeptiker wittern bereits tödliche Gefahr für die Millionenstadt. Im Frühjahr wollen Giscards Atomplaner durchs ganze Land ziehen, um die Angst vor den Kernkraftwerken zu vertreiben.

Gleichzeitig wird Mich der Startschuß für die Ölsuche auf französischem Boden gegeben. Vor der normannischen und bretonischen Küste werden die ersten Probebohrungen vorbereitet. Und obwohl noch kein Tropfen gefunden wurde, ist bretonisches Öl in der Energiebilanz für 1985 bereits mit fürf Prozent des Gesamtverbrauchs veranschlagt.

Bis zu diesem Jahr will Frankreich seinen Erdölverbrauch von 110 Millionen Tonnen jährlich (Bundesrepublik 150 Millionen Tonnen) auf 96 Millionen Tonnen reduzieren. Denn auf sparsamen Umgang mit Energie wird trotz solcher optimistischen Zukunftsmusik nach wie vor größter Wert gelegt.

Da die Franzosen erfahrungsgemäß aus freien Stücken nicht zum disziplinierten Verbrauch von Energie zu bewegen sind, macht ihnen der Staat penible Vorschriften: Wohnungen dürfen nur mehr auf 20 Grad geheizt werden, Schaufensterbeleuchtung ist nachts auszuschalten, die Lieferung von Heizöl darf ein bestimmtes Limit nicht überschreiten. Wer sich nicht an solche Sparvorschriften hält, muß. mit Geldbußen bis zu einer Million Franc oder fünf Jahren Gefängnis rechnen.