Von Karl-Heinz Wocker

Ihre Königin kennen 99,9 Prozent aller Briten nur durch deren Fernsehansprache zu Weihnachten und von Farbphotos in Amtsstuben. Die verbleibende Minderheit, vielleicht 50 000 Personen, kommen als Politiker, Wirtschaftler, Künstler oder Lokalhonoratioren gelegentlich auch direkt mit der Monarchin in Kontakt: auf Empfängen, bei Einweihungen oder im Verlauf der „garden parties“ im Buckingham-Palast. Das sind allemal gräßliche Massenparaden der Halbprominenz, die drei Reihen tief aufgestellt wird und durch die Ihre Majestät hindurchflaniert, da und dort wie zufällig einen der besonders vorgemerkten Untertanen in ein 90-Sekunden-Gespräch verwickelnd über das Wetter, London, die Familienverhältnisse (sofern diskutabel) oder das Herkunftsland (falls auswärtig).

Wirklich kennen mögen die Queen vielleicht 500 Briten: Teile ihrer Hofumgebung und natürlich die enge und weitere Verwandtschaft. Selbst der Premierminister, der in allwöchentlicher Audienz die Monarchin über alles in der Politik Anstehende unterrichtet, zählt meist nicht zum Kreis der Vertrauten, sondern ist das, was man einen guten Geschäftsfreund nennen würde.

Macmillan hat berichtet, daß er und die Queen lange Gesprächspausen kultivierten: gern viel, und Queen Victoria dagegen redeten gern viel, ausführlich und charmant über Poesie. Was immer jedoch die britische Monarchie sein soll: Eine Volksmonarchie. à la Skandinavien oder Holland ist sie nicht und soll sie wohl auch nicht werden.

Ob solche Distanz nun mythenbildend und daher konservierend wirkt oder ob sie die Ursache zunehmender Entfremdung werden muß, ist umstritten. Sicher stirbt die britische Monarchie nicht als Folge eines republikanischen Aufstands. Eher könnte allgemeine Gleichgültigkeit die Todesursache werden, nach langem, mit großer Geduld ertragenem Siechtum. Abschaffen will – die Queen derzeit wohl nur ein einziger Brite: William Hamilton, Labour-Abgeordneter des Wahlkreises Fife-Central in Schottland. Sobald sein Name fällt, lächeln die einen, die anderen wirken ab. „Willie“ Hamilton, ein 57jähriger Lehrer, hat sich in sein Haßobjekt mit jener hingebungsvollen Liebe verbissen, der nur ein britischer Exzentriker fähig ist. Vielleicht verführt der frustrierende Massenbetrieb im Londoner Parlament – 635 Abgeordnete im Unterhaus und fast tausend im Oberhaus – zur lebenslangen Pflege solcher Steckenpferde.

Hamilton ist ein vorzüglicher Abgeordneter Als im letzten Herbst die schottischen Nationalisten den großen Ruck nach vorn taten und auch in Fife-Central auf 33 Prozent gelangten, da ging sein Stimmanteil nur um 1,4 Prozent zurück. Leidtragende waren Konservative und Kommunisten. Hamilton verdankt seine 52 Prozent nicht seiner antimonarchistischen Kampagne, sondern seiner harten Arbeit als populärer Wahlkreisvertreter. Aber jener Kampagne muß er es wohl zuschreiben, daß sich für ihn in vier Wilson-Kabinetten seit 1964 kein noch so bescheidenes Pöstchen fand. Daß er aber viele Jahre hindurch den Haushaltsausschuß des Unterhauses leitete, zeigt natürlich, daß er nicht etwa ein verrannter Schwachkopf ist.

Das versierte Lesen von Steuergeldbilanzen ist es denn auch, was seine Angriffe auf die Bewohnerschaft des Buckingham-Palastes so gefährlich macht. Alles, was er dem Lebensstil der Windsors vorzuwerfen hat, steht nun zusammengefaßt in seinem neuen Buch