Von Meinhard v. Gerkan

Der Verfasser ist Professor für Entwerfen an der Technischen Universität in Braunschweig.

Eine Auswertung der kulturellen Beiträge in den führenden deutschen Tages- und Wochenzeitungen ergab, über zwei Wochen, folgende prozentuale Verteilung der veröffentlichten Themen:

  • Literatur 26,6 Prozent
  • Darstellende Kunst (Theater, Film) 38,4 Prozent
  • Bildende Kunst (Ausstellungen, Kunstbücher) 22,6 Prozent
  • Musik (Konzerte, Schallplatten) 7,7 Prozent
  • Architektur 4,7 Prozent

Das ist ein bemerkenswertes Ergebnis, wenn man sich vergegenwärtigt, daß sich jeder von uns den vier Gattungen Literatur, darstellende und bildende Kunst sowie der Musik nach freiem Ermessen widmen oder entziehen kann, während dem „Gebauten“ jeder, auch der notorische Kulturfeind, zu jeder Zeit und an jedem Ort ausgeliefert ist. Dem kulturellen Bereich also, zu dem nur eine Minderheit unserer Gesamtbevölkerung engere Beziehungen pflegt, widmen sich 95,3 Prozent aller Kulturbeiträge, dem baulichen Geschehen in unserer Umwelt nur 4,7 Prozent. Das ist ein Tatbestand, der das folgende Resümee zuläßt: Die Baukunst hat ihren aus der Kulturgeschichte angestimmten Platz geräumt. Wir haben die Architektur als Kulturgut abgeschrieben.

Jeder Bauherr fordert einen „reinen Zweckbau“:

  • Bürohäuser, Fabriken zum Zwecke der Arbeit
  • Schulen, Universitäten zum Zwecke der Bildung
  • Wohnhäuser, Heime zum Zwecke des Wohnens
  • Krankenhäuser zum Zwecke der Wiederherstellung der Gesundheit.