Von Dieter Buhl

Recklinghausen, im Februar

So kann man heute auch mit kleinen Sachen Sozialdemokraten Freude machen. „In Kehl“, so vermeldete der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Heinz Kühn den Delegierten der Bundeskonferenz, „hat ein SPD-Politiker den CDU-Bürgermeister abgelöst.“ Schütterer Beifall und Na-siehste-Blick bei einigen wenigen. Ein Altgenosse fragte hinter vorgehaltener Hand: „Kehl – wo liegt denn das?“

Die Sozialdemokraten sind bescheiden geworden. Nach der Serie von Schlappen bei den Landtagswahlen, nach den Pannen der Bonner Koalition, nach internem Dauerzwist und pausenlosen Hiobsbotschaften vom Arbeitsmarkt ist die Selbstzufriedenheit der Demut gewichen. Unsicherheit hat sich breitgemacht, wo noch vor kurzem kraftmeierischer Optimismus grassierte, Resignation hat viele ergriffen, die allzeit zum Kämpfen bereit waren. Die SPD befindet sich in einem Stimmungstief. Sie starrt auf die Wahltermine im Frühling wie ein Kranker auf die steigende Fieberkurve. Wer oder was kann da noch Heilung bringen?

Die sozialdemokratische Führungsspitze hat es am Montag dieser Woche mit Massentherapie versucht. Einem Saal voller Bundesminister und Ministerpräsidenten, Oberbürgermeister und Landtagskandidaten wollte sie programmatische Dosen verabreichen und Kampfeswillen injizieren. Die Meinungsmacher in der SPD sollten aus ihrer Lethargie aufgeweckt und mit Zuversicht gestärkt werden. Mag im Haus der Ruhrfestspiele auch schon Spannenderes über die Bühne gegangen sein, eindringlichere Botschaften wurden nur selten verkündet.

„Auf zum letzten Gefecht“ – so etwa lautete die Parole. Sie galt den Parteioberen aus Bund, Ländern und Gemeinden, die mehr als jedes andere Gremium Glanz und Elend der Sozialdemokratie verkörpern. Die Mahnung war an eine Schicht gerichtet, die es in erster Linie in der Hand hat, ob die Partei noch Siege erringen oder auch weitere Niederlagen verkraften kann. Die Bewährungsprobe ist längst eingeläutet. Am 2’. März beginnt in Berlin der Reigen der Landtagswahlen. Wird es der SPD gelingen zu beweisen, daß sie Streit und Lähmung überwunden hat? Auch nach der Recklinghäuser Auferweckungs-Konferenz bleiben Zweifel.

Die Solidarität ihrer Mitglieder, viele Jahrzehnte lang Stolz und Stärke der Sozialdemokratie, ist seit langem geschwächt. Mögen auch böswillige Übertreibungen das Erscheinungsbild der SPD zusätzlich verdüstern, so steht doch fest, daß die Partei nicht mehr mit einer,, sondern mit vielen Stimmen spricht. Alte und junge Genossen, Leverkusener und Godesberger Kreis, Kanalarbeiter und Jungsozialisten liegen miteinander in ideologischer Fehde. Die Flügelbildung, eirr altes sozialdemokratisches Trauma, droht Wirklichkeit zu werden. Sind die wachsenden Flügel noch zu stutzen?