Von Manfred Sack

Die Zuneigung war gegenseitig und so herzlich, der Erfolg so eindeutig, daß man einen Augenblick lang die Voraussetzungen bedenken muß: der Chansonnier Georges Moustaki kommt seinem Publikum mit keinem Wort Deutsch entgegen; seine Liedertexte eröffnen sich nicht alle beim ersten Hören; kein musikalischer Eklat hilft der Begeisterung auf, keine trampelnde Dramatik fügt einem Herzklopfen zu – doch die dreieinhalbtausend jungen Leute in der Münsterlandhalle vibrierten. Ich kam mir vor wie auf der Siegesfeier eines Vereins zur Durchsetzung perfekten Französischs.

So war es in Münster, so war’s am Tage vorher in Kassel, wo die vierwöchige Tournee des Griechen aus Paris vorigen Donnerstag begonnen hat, und es wird nirgendwo anders sein – obwohl Französisch meist nur zweite Fremdsprache, in unseren Schulen ist und in der Konkurrenz mit Latein oft unterliegt; obwohl Moustakis Chansontexte in keiner Buchhandlung zu bekommen sind; obwohl, wie zu erwarten, nur die Hälfte seiner Schallplatten Texte wiedergeben und auch nicht alle und niemals übersetzt. Und wenn man obendrein bedenkt, daß Moustaki die bei uns so beliebte Texteinbahnstraße meidet, die immer sofort und direkt in Glück und Leid und Einsamkeit und zurück führt und Gemütsniederlagen trotzig in Hoffnungen verdreht – dann ist seine Beliebtheit wenn schon kein Wunder, doch wenigstens ein kleines Rätsel. An "Milord" allein, für Edith Piaf gemacht, kann es nicht liegen.

Die Combo hatte schon angefangen, Musik zu machen, als Moustaki über dem Podium aus der Tür trat: ein mittelgroßer Mann von schmächtigem Körperbau, der Kopf von graumeliertem Haupt- und Barthaar reichlich umkräuselt, schön und fremd wie ein Heiliger; seine Bewegungen lassen an die Eleganz von Menschen denken, die von körperlicher Arbeit verschont bleiben, und es ist schwer, ihm die Liebhaberei schwerer Motorräder zu glaubend Er kam in weißen Hosen, weißer Matrosenbluse, weißen Tennisschuhen, und wie er geschmeidig die Stufen zur Bühne herabwiegte, wirkte er wie ein Segeljacht-Kapitän, reich und vor allem entspannt.

Wahr an diesem Bild ist nur die Leichtigkeit, mit der der Autor als Interpret sein Geschäft besorgt, diese bewundernswerte Gelassenheit. Daß man bisweilen an Kaminfeuer denkt, liegt wohl an der Stimme, deren Wärme einem dieses Gefühl suggeriert, liegt überhaupt an der Natürlichkeit, mit der er sich gibt und umgibt und so sein Publikum ins Vertrauen zieht. Also gelingt ihm das Paradoxon, das seinem Metier eigen ist, nämlich Unterhaltung und Denken zu verbrüdern.

Er singt Liebeslieder, bei denen man dahinschmelzen möchte; er deklariert – deklamierend und singend – den Zustand permanenten Glücks und jedes Menschen Recht auf alle Privilegien" und verlangt, "daß unsere Väter sich endlich befreien und sich Zeit nehmen, ihre Frauen zu streicheln", und daß wir "den Zufall zum Schicksal machen – allein an Bord, ohne Aufseher, Gott oder Teufel". Er macht sich über seine Generation lustig und singt ironisch und melancholisch: "Weil ich so oft mit meiner Einsamkeit geschlafen habe, ist sie mir fast eine Freundin geworden, eine sanfte Gewohnheit." Er besingt seinen griechischen Großvater und das Mittelmeer, die durch Portugal eröffnete Hoffnung auf politische Freiheit und Frieden auch für andere geschundene Länder, und ein Liedchen über sich selber hat er auch.

Es genügte, diese Gedichte zu lesen. Ihre Sprache ist farbig, klar, überraschend einfach, so daß die Kompaktheit der Gedanken kaum spürbar ist. Noch übersetzt widersprechen sie vehement dem Vorurteil, dergleichen sei auf deutsch undenkbar – es gibt nur keinen deutschen Chansonnier.