Frankfurt

Heute hört es sich an wie eine Zukunftsvision, was der jetzt unter Mordverdacht stehende Horst Rehbein am 27. Juli 1970 an den Arzt Dr. Richard Netter schrieb. Er wollte von ihm ein Darlehen von 200 000 Mark als Schweigegeld und drohte dabei seinem ehemaligen Arbeitgeber an, daß er als Kronzeuge „bis zur Selbstzerfleischung“ gehen würde. Er habe nichts zu verlieren, und es sei ihm gleichgültig, ob er zukünftig in der Habsburger Allee oder in Butzbach wohnen würde: „Aber Sie und Ihre Frau gehen mit.“ Und er machte auch keinen Hehldaraus, wie tief sein Haß gegen die Frau des Arztes sei: „Bis zum Jüngsten Tag.“

Genauso ist es gekommen. Am Faschingsmontag fielen in der Netter-Praxis in Bergen-Enkheim bei Frankfurt Schüsse; sie trafen Frau Margot und den Arzt tödlich. Jetzt hat Horst Rehbein tatsächlich nichts mehr zu verlieren. Richard und Margot Netter sind „mitgegangen“, und seine Zukunft wird Horst Rehbein wohl in Butzbach in der Haftanstalt verbringen.

Doch dieser Drohbrief hat sich nicht nur auf eine gespenstische Art und Weise bestätigt, er wurde auch zum Anstoß dafür, daß jetzt der Frankfurter Staatsanwaltschaft der Vorwurf gemacht wird, sie hätte vielleicht das Unglück verhindern können, wenn sie dem zitierten Brief mehr Bedeutung zugemessen hätte. Er war 1971 bei einer Haussuchung den Ermittlern in die Hände gefallen, die nach Beweisstücken gegen den Arzt suchten. Netter stand seit langem im Verdacht, seine Einnahmen fast ausschließlich Schwangerschaftsabbrüchen zu verdanken.

Zumindest für den amtlichen Sprecher der Ärzteschaft, den Hauptgeschäftsführer der Landesärztekammer Hessen, Horst Joachim Reindorf, stand es fest, daß Netter Schwangerschaftsabbrüche vornahm. Jahrelang mühte sich die Ärztekammer, das „standesschädliche und illegale Treiben“ des ungeliebten Kollegen zu unterbinden. Doch außer der beharrlich verweigerten Anerkennung als Facharzt blieben alle Versuche, die Praxis Netters schließen und ihn selbst verurteilen zu lassen, ohne jedes Ergebnis. Genauer: Rechtskräftig konnte Dr.Netter bis zu seinem gewaltsamen Tode niemals einer Abtreibung überführt werden.

Jedoch: Seine Praxis galt, ohne daß dabei geflüstert werden mußte, im Rhein-Main-Gebiet und wohl auch anderswo als „die“ Adresse. Taxifahrer kannten sie genauso wie die Prominenz aller Bereiche. Die erstaunlich rasche Verbreitung seines Namens mag nicht zuletzt auch damit zu begründen sein, daß Netter seine Honorare nach sozialen Kriterien staffelte. Meist ließ er, wie viele Zeugen bekunden, die Frauen den Preis selbst bestimmen. Alle wußten es also – und alle schwiegen. Warum? Dr. Netter, so sagen namhafte Polizeibeamte ganz privat, sei die einzige wirkliche Hilfe für die Frauen gewesen. Sie verweisen dabei auf die schrecklichen Requisiten in ihrem Kriminalmuseum: die Stricknadeln und Seifenbällchen der Engelmacher, die so viel Leid angerichtet haben.

Anderen amtlichen Mitwissern mag Mund, Augen und Ohren die Erkenntnis verschlossen haben, daß Zeugen und Beweise gegen Dr. Netter ohnehin kaum zu beschaffen wären, und den doppelzüngigen Heuchlern schließlich dämmerte wohl die Einsicht, daß eine großangelegte Strafaktion gegen den Arzt wirken könnte, als zöge man sich selbst den Teppich unter den Füßen weg. Der „Überzeugungstäter“ Richard Netter hat vielen geholfen, er hat auch, wie die hinterlassenen Sachwerte zeigen, viel verdient.