Die Familie ist fragwürdig geworden. Sozial-Wissenschaftler haben in den letzten Jahren oft genug auf gesellschaftliche und individuelle Nachteile hingewiesen, die sich durch das heute übliche Zusammenleben in Kleinfamilien ergeben. Neue Formen werden seitdem erprobt: Dreierbeziehungen, Kommunen, Wohngemeinschaften ; doch brachten diese Experimente bislang eher schlechte Erfahrungen denn überwältigende Erfolge. Die Diskussion will nicht weiterkommen, sie ist festgefahren zwischen der bodenlosen Utopie der ganz Linken und der miefigen Idylle der ganz Rechten.

Das Sozialgebilde Familie kann indes nicht losgelöst von Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Recht und Kultur betrachtet werden. Freilich darf dabei nicht übersehen, werden, daß die meisten Historiker hierzulande lange Zeit wirtschafts- und sozialgeschichtliche Fragen vernachlässigten. Inzwischen liegen allerdings Zahlreiche Veröffentlichungen vor; der Bielefelder Geschichtswissenschaftler Hans-Ulrich Wehler sprach deswegen vor längerem schon von einer „Konjunktur der Sozialgeschichte“. Mangel herrscht jedoch noch an historisch-kritischen Studien.

Selbst die Neuerscheinung

Ingeborg Weber-Kellermann: „Die deutsche Familie. Versuch einer Sozialgeschichte“; Suhrkamp, Frankfurt/Main 1974; 272 S., 7,– DM

ändert an dieser Feststellung nichts. In sechs Kapiteln beschreibt und erörtert die Autorin, die an der Universität Marburg Völkerkunde lehrt, wirtschaftliche und gesellschaftliche Fakten sowie deren Auswirkungen auf die Familie. Ihr sozialhistorischer Überblick beginnt bei der Sippe in frühgeschichtlicher Zeit und endet mit einem Ausblick auf die Familie in der Gegenwart. Den einzelnen Kapiteln wurde außerdem jeweils ein volkskundlicher Exkurs angehängt; da ist dann von Stiefmüttern, Bauernhäusern, Hochzeiten und Brauchtum die Rede. So interessant diese Anmerkungen auch sein mögen, zu deutlich merkt man diesem Buch an, daß es ein Abfallprodukt „einer Untersuchung über das Familienweihnachtsfest in Deutschland“ ist.

Nicht auf den deutschen Raum beschränkt sich der Sammelband von

Heidi Rosenbaum (Hrsg.): „Familie und Gesellschafsstruktur“; Fischer Taschenbuch, Frankfurt/Main 1974; 368 S., 7,80 DM.