Cervinia, im Januar

Den Kollegen van der Bild-Zeitung, der sich um ein Gespräch bemühte, schickten die Delegierten der Bob-Mannschaft DDR, höflich, aber bestimmt wieder fort. In seinem Blatt war zu lesen gewesen, daß auf der Bahn in Oberhof vor über einem Jahr der junge Bob-Pilot Horst Kirchner beim Training gegen einen Baumstamm raste und den Tod fand. Der Baumstamm war während der Fahrt unglücklicherweise in die Eisrinne gestürzt. Die Wiedergabe dieser tragischen Umstände mit einjähriger Verspätung hatte ihre Aktualität aus der Tatsache erhalten, daß die DDR sich nach nahezu zwei Jahrzehnten Abstinenz von dem immer noch ein wenig mit dem Rudi der Großbürgerlichkeit umgebenen Bob-Sport wieder zu einer Weltmeisterschaft gemeldet hatte. Die Mannschaftsführung der DDR bedeutete dem Reporter, Deutschland-West, im Hotel Castillo im italienischen Cervinia, daß diese Geschichte „dem Bob-Sport nicht dienlich“ sei, und verweigerte – wie gesagt – das Interview.

Diese Argumentation liegt allerdings, so merkwürdig sie auch klingen mag, durchaus auf der Linie des internationalen Verbandes, dessen Funktionäre sich bei früheren Gelegenheiten nicht zu schade waren, Schnee auf die Linsen von Kameraleuten und Photographen zu werfen, wenn diese danach trachteten, einen verunglückten Bob abzulichten. Es wäre genauso, als würde man verbieten, einen nach Sauerstoff ringenden Ruderer wahrzunehmen – als ob Sport, wie Leben überhaupt, nicht auch gefährlich sei...

Wie dem auch sei: Die Bob-Fahrer buhlen um jeden teilnehmenden Verband, da man laut neuer olympischer Regel mindestens zwanzig Mitglieder bis 1980 aufweisen muß, um weiter bei Olympischen Spielen starten zu dürfen. Der DDR gab man denn auch bereitwillig einen Platz in der internationalen Jury von Cervinia. Woher der Delegierte Martin Kilian seine praktischen Kenntnisse für diese Aufgabe bezog, wurde nicht geklärt.

Immerhin muß man zugeben, daß die beiden Zweier-Schlitten aus der DDR bei der Weltmeisterschaft im Schatten des Matterhorns mit überraschend starken Leistungen aufwarteten. Nach den ersten beiden Läufen waren sie sogar in Medaillennähe, am Schluß allerdings unter den 29 Bobs nur auf Rang fünf und sechs. Die systematische Auswahl und die sorgsame Vorbereitung, die man ja nun seit Jahren von DDR-Sportlern sattsam gewohnt ist, wird auch hier Erfolge bringen. Noch fährt man zwar die nicht einmal besonders modernen Modelle des italienischen Bob-Konstrukteurs Sergio Siorpaes, aber da die Vorliebe für technische Tüfteleien zu den typischen Merkmalen der Deutschen (West und Ost) gehört, wird man wohl in absehbarer Zeit mit eigenen Gefährten aufwarten; Woher man Piloten und Beifahrer bezieht, bedarf da sowieso keiner Frage. Mannschaftschef ist Horst Hörnlein, der noch vor drei Jahren Weltmeister und Olympiasieger im Rodel-Doppelsitzer war. Der begabteste Pilot ist ebenfalls aus dem Lager der Leute mit dem kleineren Schlitten entlehnt. Horst Schönau war noch 1973 Achter der Rodel-Weltmeisterschaft. Frühere Leichtathleten, Ringer und Motocross-Fahrer sind ebenfalls in dieses Metier gegangen. Auf jeden Fall sah man auf den tief verschneiten Wegen rund um das zweitausend Meter hoch gelegene Bob-Dorf Cervinia niemand sonst so viel bei konditionsstärkenden Läufen wie die Sportler aus der DDR.

Was die Technik anbetrifft, so hatten die Leute aus der Bundesrepublik sich zwar etwas ausgedacht, was sich aber letzten Endes nicht gerade als zukunftsweisend erwies. Wolfgang Zimmerer aus Ohlstadt, kurz vor Garmisch, Weltmeister und Olympiasieger der letzten drei Jahre, überraschte die Konkurrenz zunächst mit einem aerodynamisch voll verkleideten Schlitten, der im Vergleich zu den sonst üblichen Kabriolett-Bobs schon so etwas wie eine Limousine darstellte. Im Training funktionierte dieses Ding auch entsprechend. Die Zeit, die man am Start verlor – schließlich mußten Pilot und Sozius ja über die Außenwand in das Kufengefährt springen – holte man im unteren Teil der Strecke leicht wieder heraus. Beim Renten selbst fand sich der sieggewohnte Zimmerer jedoch nach zwei Läufen plötzlich aussichtslos abgeschlagen auf dem sechsten Rang wieder. Erst dann begab man sich schnell zur Bastelstunde ins Quartier und montierte diese Verkleidung wieder ab. Das Resultat gab der Bastelei recht. Zimmerer arbeitete sich noch auf Rang vier vor Und will in Zukunft von Stromlinien und Windkanälen nichts mehr wissen.

Weltmeister wurde also nicht Zimmerer, sondern der italienische Hotelier Giorgio Alvera, der auf dieser holperigen Bahn allerdings in den letzten Wochen und Monaten zehnmal soviel Abfahrten trainierte wie die gesamte Konkurrenz. Er wurde nur von dem an diesem Tag vierzigjährigen Rosenheimer Georg Heibl und dessen Copilot Fritz Ohlwärter gefährdet. Für Heibl ist der zweite Platz aber nicht die Erfüllung aller Wünsche. Vor einem Dutzend Jahren war er auf Grund einer Stammtischwette Bob-Fahrer geworden. Wie es heißt, habe er damals gemeint, „so etwas“ auch zu können. Vom Bruchpiloten, der auf Ergebnislisten bayerischer Meisterschaften auf den hinteren Rängen zu finden war, der sich den Zeigefinger bei irgendeiner Abfahrt abquetschte und x-mal aufhören wollte, der noch vor sechs Wochen in St. Moritz einen bösen Sturz erlebte, steuerte sich Heibl mitten in die Weltklasse. Wahrscheinlich zur Freude seiner Stammtischrunde. Ulrich Kaiser