Kissingers Diplomatie und die Skepsis der Betroffenen

Von Andreas Kohlschütter

Von seiner jüngsten Erkundungsreise durch den Nahen Osten hat der amerikanische Außenminister Henry Kissinger eine Rückfahrkarte mit nach Hause gebracht. Sie wurde ihm von seinen Gesprächspartnern zugestanden. In einigen Wochen will er sich wieder auf den Weg machen, um dann „konkretere Gespräche“ zu führen. Das ist nicht viel, aber immerhin etwas.

Damit wurde wertvolle Zeit gewonnen, die alle Parteien zur Klärung, Verfeinerung, vielleicht auch zur Annäherung ihrer Positionen nutzen können. Vor allem: Die Dinge bleiben im Fluß; eine neue, gefährliche Erstarrung der diplomatischen Fronten ist vermieden worden. Die Genfer Begegnung zwischen Kissinger und Gromyko ließ zudem erkennen, daß trotz harter Töne aus Moskau und Damaskus das Aushandeln eines weiteren Teilabkommens zwischen Israel und Ägypten und die amerikanische Politik der kleinen Schritte noch Chancen haben. Freilich wurde auch klar, daß sich Kissinger dem sowjetischen Drängen nach dem großen Sprung zur Wiederaufnahme der Genfer Friedenskonferenz mit all ihren Klippen und Konfrontationsrisiken nicht mehr länger verschließen kann.

Im bisherigen Nahost-Alleingang, den er unter Ausschluß der sowjetischen Mitaktionäre unternommen hat, kommt der Krisenmanager des Weißen Hauses wohl nicht weiter. Das weiß Kissinger inzwischen selber, und das hat ihm Parteichef Breschnjew für alle Fälle nochmals unter die Nase gerieben: „Gewisse Leute wollen den Arabern ein Schlafmittel verabreichen, in der Hoffnung, sie einzulullen und sie ihre Forderung nach Gerechtigkeit sowie nach der vollumfänglichen Beseitigung der Aggressionsfolgen vergessen zu lassen. Eine solche Droge wirkt jedoch nur für kurze Zeit. Dann wacht der Betäubte auf und sieht sich der alten Lebenswirklichkeit mit denselben alten Problemen gegenüber.“

Diese Kritik an Henry Kissingers weltpolitischer Akrobatik trifft ins Schwarze, auch wenn sie aus der falschen Ecke kommt. Ein Augenschein in Indochina, dem anderen schwelenden Krisenherd, in den der Magier aus Washington eingegriffen hat, bestärkt die Zweifel an der Wirkungskraft seiner diplomatischen Zauberkunst.

Im Eiltempo hat Kissinger vor drei Jahren eine lose indochinesische Friedenskonstruktion zusammengebastelt, ohne sie jedoch nachträglich weiter zu verstreben und zu verankern. „Auf die Schnelle“ wurde hier ein Pflaster aufgelegt – ohne Rücksicht darauf, ob die darunterliegende Wunde auch vernarben und verheilen würde. In einer spektakulären Einmannaktion wurde die vietnamesische Mammutarbeit in Angriff genommen, aber von dem einen Mann dann auch wieder liegengelassen, der der Kennedy-Ära einst vorgeworfen hatte: „Unter Kennedy herrschte eine Art nervöser Energie und große geistige Aktivität – der Nachteil bestand darin, daß es keine verläßliche Prozedur gab, um zu gewährleisten, daß die Dinge auch wirklich erledigt würden.“