ZDF, Montag, 17. Februar: „Der Alte“, Fernsehfilm von Renke Korn

Das Niveau sinkt und sinkt – in welchem Ausmaß, das beweisen die Samstagabendprogramme: Man schaue sich einmal (oder besser, man tue es nicht) die Darbietungen an. ZDF oder ARD, das spielt keine Rolle. An den albernen Schwänken, läppischen Spielen und drittklassigen Krimis gemessen, präsentiert sich selbst die Ziehung der Lottozahlen als rationales Ritual. Die einzigen Sätze, denen zwischen zwanzig und vierundzwanzig Uhr Vernunft zukommt, sind jene drei oder vier Bibelverse, die der Geistliche zitiert, bevor der Lippenstiftmörder den Rest des Abends bestreitet.

Die Schluderei ist ohne Beispiel. Da wird, am Sonntagnachmittag, ein Film mit dem Titel „Viele Wege führen nach Rom“ geboten, der aus nichts anderem als einer Collage irgendwelcher beliebiger Schnipsel besteht. Ein paar Plätze, ein paar Menschen. Ein römischer Markt, ein römischer Laden, eine römische Straße, ein römischer Hellseher, ein römischer Dirigent, ein römischer Fremdenführer, eine römische Schriftstellerin ... und schon führen alle Wege nach Rom. Aneinandergeklebte Schnipsel – nichts weiter. Keine Analyse, keine Erhellung des Problems.

So einfach kann man sich’s machen. Im Feuilleton – wie glanzvoll waren einmal die Römischen Skizzen: als noch an ihnen gearbeitet wurde! – nicht anders als im abendlichen Spiel. Auch da genügt es, eine Reihe von vorhandenen Mustern zusammenzufügen. Auch da heißt die Devise „alles paßt zu allem“. Beispiel: „Der Alte“, ein Film von Renke Korn.

Ein bißchen Sozialkritik (Gewerkschaftsfeindlichkeit der Kleinunternehmer. Kurzarbeit. Das Elend der Alten), ein bißchen Milieu (Mietskasernen und Destillentraurigkeit), ein bißchen Individualpsychologie (entlassener Kumpel, Jahrgang 1920, der den Zug zum Höheren hat und Romane mehr als Weiber schätzt, verschreibt sich, trotz zarter Konstitution, dem Alkohol), ein bißchen Sentimentalität („Bitte, rauch nicht am Grab meiner Mutter!“), ein paar Spruchbänder („malochen“ ist immer gut, Dialekt auch: man muß nur kräftig berlinern – schon verwandeln sich papierene Gespräche in handfeste Dialoge).

Und dann das Ganze gemixt! Fast schon fertig! Fehlt nur noch eine Pointe! Entlassung? Endgültige Resignation? Entschlossener gewerkschaftlicher Kampf? Nein, das alles wäre zu normal. Zu sehr Ziewer und Schübel-Gallehr. Unser Autor aber will mehr. Er will „action“. Kunst! Also läßt er den Alten am Ende seinen Freund mit dem Messer erstechen. Das Blut spritzt aus dem Mund – so sturzbachartig und so echt, wie im deutschen Fernsehen noch nie ein Todesblut geflossen ist. Die Atriden ziehen in Moabit ein. Der kranke Kumpel – im Betrieb ein Versager und zu Hause von den Buhlen seines Freundes als Opa verlacht – schreitet zur Tat. Maler Torgier wird zu Orest. Der Vorhang fällt. Das Stück ist zu Ende – die Geduld des Kritikers auch.

Dieses Mixtum compositum, in einem Deutsch geschrieben, das der Autor offenbar für das Deutsch der Arbeitswelt hält (während es in Wahrheit Jargon der Kolportage ist), war denn doch des Guten zuviel... Und ich hatte den Eindruck, daß der Regisseur die Meinung des Kritikers teilte. Das rote Gesprudel am Ende – eine blutige Parodie – ist nur als bewußte Distanzierung zu verstehen.