Von Ben Witter

Im zweiten Stock der Davidswache in Hamburg-St. Pauli sitzt seit dem 3. Februar 1975 die Inspektionsleiterin K 24, Rosmarie Frommhold, als Chef der Sittenpolizei. Bis zum 2. Februar war sie Leiterin der weiblichen Kriminalpolizei, die nach achtundvierzigjährigem Bestehen aufgelöst wurde. Rosmarie Frommhold ist Kriminaloberrätin. Ungefähr vierzig männliche und zwanzig weibliche Kollegen stehen ihr zur Seite, es können zusammen aber auch fünfundsechzig sein, Rosmarie Frommhold hat sie noch nicht genau gezählt.

Sie kocht Kaffee, holt die Kognakflasche aus dem Garderobenschrank und schiebt die Blumenvase zurück. Wir sitzen an einem runden Tisch. Ich blicke über ihren Schreibtisch hinweg auf das gegenüberliegende Hotel. Da werden seit fünfzig Jahren dieselben Zimmer oft dreimal am Tag vermietet, und nur einmal gab es einen Selbstmord. Ein Mann, der allein kam, schoß sich eine Kugel in die rechte Schläfe.

Rosmarie Frommhold sagt, daß sie nur deshalb Rosmarie heißt, weil der Standesbeamte in Würzburg vor zweiundfünfzig Jahren das "e" vergessen hat. Ihr Vater, der bei der Deutschen Angestellten Krankenkasse war, nahm sie immer mit, wenn Kinderheime eingeweiht wurden, und sie wollte dann Kindergärtnerin werden. Er wurde 1939 mit der Familie nach Hamburg versetzt. Sie sagt: "Er war Deutschnationaler und ist immer aufrecht, ehrlich und offen gewesen, er ist mein Vorbild."

Mit den hohen Absätzen ist Rosmarie Frommhold vielleicht 1,75 Meter groß, ihre Nase dürfte keinen Millimeter größer sein, der große Mund auch nicht. Ein kleines Lächeln versucht sie selten, meistens ist es groß. Sie machte die mittlere Reife, besuchte das Fröbel-Seminar, leitete ein Kinderheim in Graudenz, die Russen kommen, sie flüchtet im letzten Augenblick, das einzig Feste, worauf sie vertrauen kann, sind die Langschäfter, unterwegs verliert sie ihre Papiere, in Hamburg läuft sie weiter in den Langschäftern herum und geht zum Arbeitsamt, steht da und redet von den Kindern und Jugendlichen, die sie überall gesehen hat und die niemanden mehr haben und die Hilfe brauchen, und sie redet und wird zur Polizei vermittelt. Nach achtwöchiger Ausbildung ist sie Kriminalassistentin zur Probe und kommt nach St. Pauli zur Davidswache.

Auf der Davidswache sitzt immer noch Jonny Schlüter, der Chef. Die Engländer lassen ihn da, ganz St. Pauli kennt ihn ja, und er darf oben in der Wache wohnen bleiben. Zu der Polizistin Rosmarie Frommhold hat er nur gesagt: "Die Davidswache ist die hohe Schule des Lebens" und dann noch: "Hier kann man nicht menschlich genug sein."

Rosmarie Frommhold sagt: "Die Kollegen siezten mich immer und versuchten mir die Angst vor St. Pauli mit den Worten zu nehmen: ‚Hier gibt es nichts, was es nicht gibt, aber daran gewöhnt man sich mit der Zeit!‘ Als im Café Krone da drüben eine Fehlgeburt gemeldet wurde, mußte ich rüber. Von der Eingangstür ging es direkt in die Toilette, und da saß eine Frau und trank eine Tasse Kaffee, und der Fötus lag im Klo. Als wir die Frau dann auf eine Trage legten, regnete es lauter Hundertmarkscheine auf sie herab. Ich verdiente damals 190 Mark im Monat, Reichsmark, und in den Kasematten unter dem Bismarck-Denkmal lagen auf dem vergammelten Stroh haufenweise Flüchtlinge, bei manchen wußte man nicht genau, ob sie schon tot waren; wie tot lagen da ja viele."