An einem Mann kommt der Urlauber in Reit im Winkl beim besten Willen nicht vorbei: am Tausendsassa Franz Schlechter. Der Franz, Vater von zehn Kindern, präsentiert als Direktor und Spieler des Bauerntheaters („Das sündige Dorf“ und „Dirndl, mach’s Fenster auf“), als Leiter der Skischule, als Bademeister, Tonkünstler beim Musikverein, Sänger, Conferencier auf bayerischen Folkloreabenden, und nicht zuletzt als Zeremonienmeister beim obligatorischen Montags-Grüß-Gott-Cocktail der Neuankömmlinge die wichtigsten Aspekte der Reiter Unterhaltungspalette.

Andere, am Amüsementsektor engagierte Bewohner des Luftkurortes, der immerhin zu 80 Prozent vom Fremdenverkehr lebt, offerieren dagegen nur ein bescheidenes Dienstleistungsangebot. Berufsdiskjockey Heli beschränkt sich auf seine „Tränke“, Jodler-Plattenstar Maria Helwig auf ihren „Kuhstall“, wo es nicht nur nachts meist gerammelt voll ist, sondern auch nachmittags: Eine verblüffende Zahl von Sommerfrischlern findet offenbar kein urigeres Vergnügen, als in einer zweckentfremdeten Rinderbehausung Torte mit Sahne zu schlecken.

Bäuerliche Atmosphäre, in jenem Etablissement künstlich hochgehalten, findet sich dagegen in der 2500-Seelen-Gemeinde vielfach noch als erfrischend duftende Realität. Immerhin ergab die letzte Viehzählung einen Bestand von 562 Rindern und sechs Pferden, so daß viele der 250 Fremdenbetten mit der Garantie gekoppelt werden können: „Kuh im Stall vorhanden.“

Der Stolz von Verkehrsamts-Chef Fritz Hausbacher aber gilt nicht vorrangig dem Reiter Rindvieh, sondern dem Wetter im Dreiländereck (Bayern, Tirol und Salzburg stoßen hier zusammen). Noch heute bezeichnet sich die Gemeinde im südlichsten Chiemgau unwidersprochen als die „schneereichste und schneesicherste in Deutschland“. Während Nachbarorte wie Ruhpolding bereits auf künstliche Flockenproduktion zurückgreifen müssen, karren die Reiter in ihrem bevorzugten Ost-West-Tal Winter um Winter beim Straßenräumen ganze Lastwagenladungen von Schnee auf die Felder. Fritz Hausbacher verspricht deshalb seinen Gästen: „Bei uns liegt der Stoff bis Anfang Mai. Wenn die Berge den Föhn nicht abschirmen würden, hätten wir hier sogar Witterungsverhältnisse wie in Südtirol und könnten Wein züchten.“

Das mit dem Wein hat übrigens schon einer versucht: Ein Opernsänger aus dem Rheingau brachte vor Jahren nach mühevoller Zucht so an die hundert Flaschen Winkler Rebensaft zustande. Über die Qualität wurde leider nichts überliefert.

Ausführlicher werden indessen historisch interessierte Gäste über jene Episode informiert, durch die das Tal zu Beginn des 19. Jahrhunderts an Bayern fiel. Die Reiter Gegend war bei der damaligen Landverteilung schlicht vergessen worden, worauf sich die Potentaten von Bayern, Tirol und Salzburg zur nachträglichen Vergabe einmal in Reit im Winkl trafen und um den Winkel Schafkopf spielten (eine eigenwillige Abart des sonst in Deutschland üblichen Skatspiels). Der Kurfürst von Bayern soll durch einen Stich mit dem Schellunter Sieger geworden sein, ein Ereignis, das sich ausführlich an der „Lüftl“-Malerei am Nobel-Hotel „Unterwirt“ studieren läßt.

Zu den gegenwärtigen Sonderlichkeiten des Grenzortes Reit im Winkl gehört vor allem das binationale Hauptskigelände Winklmoosalm–Kammerköhr–Steinplatte (1871 m), wo deutsche und österreichische Skifahrer problemlos von einem Land ins andere pendeln. Problematischer gestaltet sich die Auffahrt zum Skizirkus auf bayerischer Seite. Denn die Wintersportler müssen sich vom Talort Seegatterl per Postbus auf den Gipfel kurven lassen. Die rollende Kette schafft pro Stunde rund tausend Leute.