Umstrittene Untersuchung der Verbraucherverbände: Wie irreführend sind Anzeigen?

Von Gunhild Freese

Die deutsche Werbewirtschaft reagierte unwirsch: "Das Papier ist abenteuerlich, irreführend und unsachlich." Und Volker Nickel, Sprecher des Zentralausschusses der Werbewirtschaft (ZAW), der die Branche repräsentiert, ergänzte böse: "Das ist pure Schlagzeilenpolitik."

Den Grund für den Ärger hatte letzte Woche die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher (AGV) geliefert: Rund 65 Prozent der Anzeigenwerbung in der Bundesrepublik, so behauptet die AGV, sei irreführend, mache übertriebene Versprechungen oder zweideutige Aussagen. Und zum Beweis veröffentlichte sie eine 160 Seiten umfassende Untersuchung des Kölner Instituts für angewandte Verbraucherforschung mit dem Titel: "Formen und Umfang irreführender Werbung in der Bundesrepublik Deutschland und in Großbritannien" (Auflage: 50; Abgabepreis: 60 Mark).

In Auftrag gegeben – und finanziert – hat die Untersuchung das Europäische Büro der Verbraucherverbände in Brüssel mit dem Ziel, einheitliche Richtlinien für eine europäische Werbegesetzgebung zu finden. Das niederschmetternde Untersuchungsergebnis lieferten vier angebliche "Experten", die jedoch selbst auf Anfrage von der AGV namentlich nicht genannt werden.

Freiwilligkeit schlecht gelohnt

Mit ihrer Anzeigenuntersuchung haben die Verbraucher eine neue Runde im Dauerkrieg gegen die Werbung eingeläutet. Schon seit Jahren nämlich sieht sich die Werbewirtschaft der gemeinsamen Offensive von Politikern und Systemkritikern ausgesetzt. Zwar verzichtete etwa die Zigarettenindustrie in ihrer Verbraucherwerbung auf die Darstellung von Jugendlichen und deren Idolen oder von sportlichen Betätigungen und gab freiwillig die Fernsehwerbung auf. Doch der Gesetzgeber zeigte sich undankbar: Von Januar 1974 an wurde die Funk- und Fernsehwerbung für Zigaretten auch gesetzlich verboten.