Von Werner Dolph

Der Anteil der Entwicklungsländer am Welttourismus blieb bisher bescheiden: Fast 94 Prozent des grenzüberschreitenden Vergnügungsreisens spielt sich zwischen den entwickelten Staaten Europas und Nordamerikas ab. Von den 181 Millionen Touristen, die 1971 über den Erdball nomadisierten, gerieten beispielsweise nur 2,6 Millionen oder 1,4 Prozent nach Afrika. Die weitaus meisten von ihnen gingen in die vergleichsweise gut entwickelten Gebiete Nord- und Südafrikas. Trotz solcher zur Nüchternheit mahnenden Zahlen galt vielen Beobachtern Tourismus noch vor kurzem als eine Art Allheilmittel für die Entwicklungsprobleme der Dritten Welt.

Die Argumente klangen einleuchtend. Tourismus, hieß es, bringe die für Entwicklungsinvestitionen dringend benötigten Devisen. Als arbeitsintensiver Dienstleistungsbereich schaffe er überdurchschnittlich viele Arbeits- und Ausbildungsplätze. Weil Tourismuszentren Verkehrs- und versorgungsmäßig erschlossen werden müssen, trage er zur Infrastrukturverbesserung des Landes bei. Schließlich „induziere“ der Tourismusbedarf neue Versorgungs- und Dienstleistungsbetriebe.

Inzwischen ist die Tourismusbegeisterung gedämpfter. Daß Tourismus Entwicklungsländern stets unmittelbar Gewinn bringt, hat sich in vielen Fällen als Wunschvorstellung erwiesen. Zwar ist im Tourismusbereich ein neuer Arbeitsplatz meist billiger zu schaffen als in der Industrie. Rechnet man jedoch die vom Entwicklungsland zu finanzierenden Infrastrukturausgaben für Straßen, Flugplätze, medizinische Betreuung, Trinkwasser und Elektrizitätsversorgung hinzu, so kehrt sich das Bild in der Regel um. Daß solche Infrastruktur dem Land insgesamt zugute kommt, scheint ebenfalls eher atypisch zu sein. Touristenzentren entstehen in der Dritten Welt meist in dünn oder gar nicht besiedelten, dafür nach europäischen Maßstäben aber „schönen“ Gegenden. In Ostafrika finden sie sich überwiegend in oder in unmittelbarer Nähe von Tierparks, die für menschliche Ansiedlung per definitionem ausfallen. Die Isolierung der Touristen von der einheimischen Bevölkerung gilt zudem als planerisch erstrebenswert. Vermindert werden soll dadurch die Gefahr des „interkulturellen Schocks“. Folge: Bleiben die erwarteten Touristen aus, so entstehen gesamtwirtschaftlich kaum verwendbare Infrastrukturruinen. Für solchen Fata-Morgana-Effekt ist der „Internationale Kilimandscharo Flughafen“ in Tansania ein eindrucksvolles Beispiel. 1971 von Präsident Nyerere feierlich eröffnet, für fast 40 Millionen Mark erbaut, hat er außer einer einheimischen Fluggesellschaft bisher keine internationale Fluglinie zur Landung animiert. Selbst internationale Charterflüge blieben weitgehend aus. 1972 erreichte der Großflugplatz zwölf Flüge pro Tag und einen Umschlag von durchschnittlich 100 Passagieren. Daran hat sich bis heute nichts Wesentliches geändert.

Zur touristischen Infrastruktur gehören in vielen afrikanischen Staaten die Tierparks und kontrollierten Wildgebiete. In Tansania machen sie beispielsweise mehr als ein Viertel der Landfläche aus. Allein die tansanischen Nationalparks und Wildreservate erreichen mit 120 000 Quadratkilometern die halbe Fläche der Bundesrepublik oder die Fläche Bayerns, Niedersachsens und des Saarlandes zusammen. Solche Flächen zu überwachen, befahrbar und „erlebbar“ zu machen, sie landwirtschaftlichen und sonstiger Nutzung zu entziehen: das bedeutet für Tansania ein erhebliches, gegen den Willen der einheimischen Bevölkerung erbrachtes Opfer. Nur in einem der tansanischen Tierparks (Lake Manyara) decken die Eintrittsgelder die Unterhaltungskosten. In den übrigen leistet Tansania Entwicklungshilfe für die Naturschutzideologie der entwickelten Welt.

Die Finanzierung solcher „unproduktiven Paradiese“ ausgerechnet den ärmsten Ländern der Erde aufzuschwatzen, ist ein Skandal, um den sich das neugeschaffene Umweltsekretariat der Vereinten Nationen kümmern sollte.

Auch der vielbesungene Devisenzuwachs ist so naturnotwendig offenbar nicht. Aufbau und Unterhaltung einer funktionierenden Tourismusindustrie fordern erhebliche Vorhaltekosten an Devisen. Oft müssen selbst Baumaterialien wie Zement mit Devisen eingeführt werden. Was ausländische Gäste an Konsumgütern füglich erwarten, kommt vom Alkohol bis zum Taschenkrimi ebenfalls aus dem entwickelten Ausland.