Eine Erde, vier Welten: Wie kann die Menschheit zwischen Fortschritt und Barbarei überleben?

Von Günter Grass

In den letzten Tagen des Jahres 1974 habe ich, um ein lange zurückliegendes Leseerlebnis noch einmal zu überprüfen, George Orwells utopischen Roman "1984" wiedergelesen. Während ich diesen erschreckenden Bericht aus der fiktiven Welt des oligarchischen Kollektivismus las, lag neben mir (angelesen) der zweite Bericht an den Club of Rome, als Buch verlegt unter dem Titel "Menschheit am Wendepunkt". In Lesepausen ließ ich mich von dem Bericht der Wissenschaftler Mesarović und Pestel bis ins Jahr 2000 führen. Statistische Zahlen mit vielen Nullen reihten sich. Ich versuchte, mir die wichtigsten Zahlen südasiatischer Kindersterblichkeit zu merken, versah wissenschaftlichen Jargon, Ausdrücke etwa wie "Mortalitätsmuster" und "Proteindefizit" mit Ausrufezeichen. Dann las ich abermals bei Orwell über den permanenten Krieg einer dreigeteilten Welt, deren Blöcke atlantisch, eurasisch und ostasiatisch heißen.

Zwischen zwei Utopien, zwischen zwei Schrecknissen. Hier der fiktive Big Brother, in dessen Omnipotenz sich die totalitären Muster aller Ideologen decken; dort die gigantische statistische Zahl der bevorstehenden, nein, schon seit Jahren stattfindenden Bevölkerungsexplosion: bis zum Jahr 2000 wird sich die Menschheit als Quantität verdoppelt haben. Dazwischen ich, ein mitteleuropäischer Schriftsteller, der seine Geschichte im "raunenden Imperfekt" weitererzählen möchte, ein skeptischer Sozialdemokrat, der zwischen der Diktatur des Kommunismus und dem zügellosen Raubbau des Kapitalismus einen dritten Weg sucht, zudem ein Familienvater, dessen Kinder in eine’Welt hineinwachsen, die notorisch, falsche Hoffnung macht, doch – gründlich geprüft – ohne Hoffnung ist.

Ich bin gekommen, um zu sehen und vielleicht zu lernen, obgleich wir ja alles zu Rissen meinen und die Daten zuhauf liegen. Keine Botschaft, meine Ratlosigkeit habe ich mitgebracht; diese will ich begründen. Zuerst meine These:

Ich bin überzeugt, daß die Menschen von den Ergebnissen ihrer Leistungsfähigkeit überfordert werden. Zwar sind sie in der Lage, ihrem Wissen, ihrem technologischen Können, ihrer forschenden Neugierde großartige Entdeckungen abzuzwingen – sie spalten das Atom, sie sehen in jede Richtung fern, sie erreichen den Mond – aber diese Meilensteine menschlichen Fortschritts stehen inmitten einer Gesellschaft, die sich im Zustand statistisch erfaßter Barbarei befindet. Sie, die Atomspalter, die Himmelstürmer, sie, die pünktlich ihren Computer füttern und alle Daten gesammelt, gespeichert und ausgewertet haben, sind dennoch nicht in der Lage, die Kinder dieser Welt ausreichend zu ernähren.

Hunger ist Krieg