Hamburg

Einen Erfolg bei der Bekämpfung terroristischer Organisationen meldete die Polizei der Bundesländer Hamburg und Schleswig-Holstein Ende Januar. Mit der Festnahme des Norderstedter Verlagskaufmanns Borvin Wulf, so hieß es, haben die Behörden den Manager und Drahtzieher der norddeutschen anarchistischen Szene dingfest gemacht. Wulf, dessen Äußeres mit kurzgeschnittenem Haar und korrekter Kleidung so gar nicht dem Bilderbuchklischee vom antibürgerlichen Terroristen – entsprach, wurde von Bild denn auch prompt zum „Bombenleger von Hamburg“ ernannt: Er sollte zwei (gescheiterte) Sprengstoffattentate organisiert wenn nicht gar selbst verübt haben – eines auf den Justizsenator Ulrich Klug, ein weiteres auf den Gefängnischefarzt Walter Mairose.

Solche Vorwürfe gegen den 36jährigen, Vater von Zwei Töchtern, Reihenhausbewohner und einst für die SPD im Norderstedter Stadtrat, nährten sich vorwiegend aus drei Indizien: Wulf soll kurz vor seiner Festnahme ein Schriftstück zerrissen und in einen Papierkorb geworfen haben, auf dem die beiden Attentate gerechtfertigt wurden; in Wulfs Zweitwohnung in Embsen bei Lüneburg waren Waffen gefunden worden; Verfassungsschutz und politische Polizei hatten auf Veranstaltungen der radikalen Linken immer häufiger eine Teilnahme Wulfs registriert.

Von dieser auf den ersten Blick bestechenden Beweisführung gegen den Verlagskaufmann, dem sofort nach seiner Festnahme vom Arbeitgeber fristlos gekündigt worden war, ließen sich Freunde des Inhaftierten jedoch nicht überzeugen. Sie wußten von Diskussionen mit Borvin Wulf, in denen dieser „immer außerordentlich kritisch und begründet terroristische Aktionen verurteilt“ habe – wie es die drei Pastoren der Evangelischen Studentegemeinde in Hamburg formulierten. Andere. Bekannte erinnerten sich an Wulf-Zitate über Terroristen, die „wie wildgewordene Kleinbürger in der Gegend herumballern und mit Zündschnüren herumlaborieren“ und dabei vergessen hätten, das Geschichte ein Prozeß sei, der wachse und mit allen Menschen gemacht werde. Auch die Staatsan waltschaft mochte den Bombenlegervorwurf der Polizei nicht aufrechterhalten. Im Haftbefehl ist nur noch von Zugehörigkeit oder Unterstützung einer kriminellen Vereinigung die Rede.

Das ehemalige Mitglied der Deutschen Friedensunion entfernte sich in der Norderstedter SPD von der theoretischen Plattform des Godesberger Programms, der SPD-Landesvorstand leitete lange vor der Festnahme ein Ausschlußverfahren gegen ihn ein. Wulf fand seine Diskussions-Plattform in der hamburgischen Evangelischen Studentengemeinde. Dort werden neben theologischen vorwiegend linke und linksradikale Fragestellungen erörtert, und dort dürfte Wulf wohl auch in den Dunstkreis logistischer Abteilungen einer Baader-Meinhof-Nachfolgeorganisation geraten sein. Das Attentat-Rechtfertigungspapier, das er zerriß, kursierte in diesen Kreisen. Wulf hatte mit den Formulierungen nichts zu schaffen. Und hier traf er auch jenen Mitbenutzer der für 115 Mark im Monat angemieteten Zweitwohnung, der für die dort entdeckten Waffen verantwortlich sein dürfte. Wulf selbst ist vor seiner Festnahme wochenlang nicht mehr in Embsen gewesen: Selbst eine tagelange Überwachung durch Staatsschutzorgane hatte der Verlagskaufmann bemerkt. In einem Brief an einen Bekannten mokierte sich Wulf über seine Beschatter. In dieser Woche stellen die Anwälte einen Antrag auf Haftprüfung. Dieter Stäcker