Zum zweitenmal haben die Türken auf Zypern vollzogene Tatsachen geschaffen. Der militärischen Besetzung vom vergangenen Sommer ließen sie in der vorigen Woche den politischen Coup folgen: In der Nordhälfte der Insel riefen sie einen autonomen türkisch-zypriotischen Staat aus. Abermals geht es ihnen darum, eine Lösung nicht auszuhandeln, sondern zu diktieren.

Gewiß ließe sich argumentieren, eine saubere chirurgische Teilung Zyperns sei nach allem, was geschehen ist, doch wohl das Beste, was den Zyprioten beiderlei Zunge widerfahren könne. Bloß ist diese Teilung zu ungerecht, als daß sie Bestand haben könnte, selbst im Rahmen eines überwölbenden Bundesstaates. Vierzig Prozent des Landes für achtzehn Prozent der Bewohner; vier Fünftel des Reichtums, der großenteils griechisch war, von den Türken requiriert; die Hälfte der griechischsprachigen Mehrheit vom angestammten Land verjagt – das verspricht keine Dauer.

Eine Föderation, die mehr sein soll als die Austragungsstätte einer griechisch-türkischen Blutfehde, bedarf der Wiederannäherung der beiden Volksgemeinschaften. Solch eine Wiederannäherung aber ist undenkbar, solange die Türken nicht einen Teil ihrer Beute wieder herausrücken und dem künftigen Bundesstaat geographisch, wirtschaftlich und demographisch ein Areal übergreifender Gemeinsamkeit lassen.

Die Volksgruppengespräche sind seit dem jüngsten türkischen Paukenschlag unterbrochen. Der UN-Sicherheitsrat wird schwerlich etwas zuwegebringen. Die Supermächte sind beide diskreditiert: die östliche durch fadenscheinige Ambitionen, die westliche durch ihre diplomatische Ungeschicklichkeit, mit der sie alle Parteien kräftig vor den Kopf gestoßen hat. Frage: Wäre nicht Zypern ein Schlichtungsfall für die Europäische Gemeinschaft? Wollen die Neun wirklich ruhig zusehen, wie im Mittelmeer ein zweites Nordirland heranreift? Th. S.