Von Walter Harst

Lange, bis fünf Minuten vor zwölf, hatte er geschwiegen. Dann trat der portugiesische Staatspräsident Francisco da Costa Gomes vorige Woche vor die Fernsehkamera und kanzelte die Extremisten ab, die nur „Haß und Gewalt säen“ und dafür ein „Paradies versprechen, das wir nie erreichen werden“. Portugal brauche jetzt keine Illusionisten und Utopisten, keine Ränkeschmiede und Rachsüchtigen, Portugal wolle und werde mit den Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung am 12. April eine „pluralistische und freie Demokratie“ schaffen: „Der Weg ist schwierig, hüten wir uns vor den Fallstricken der Diktatur am Rande dieses Weges.“

Auf solche Warnungen des heute mächtigsten Mannes in Portugal hatten die Parteien (mit Ausnahme der Kommunisten), die gemäßigten Offiziere und die schweigende Mehrheit lange gewartet. Nahezu mühelos hatten progressive, sozialistische Offiziere und politische Radikale ihren Einfluß in den letzten drei Monaten verstärkt. Und nachdem sich die Militärjunta noch zwei Tage vor der Präsidentenrede gesetzgeberische Vollmachten zugesprochen hatte, schienen die Weichen endgültig für die Fahrt in eine Entwicklungsdiktatur gestellt.

Doch anders als die meisten Portugiesen besitzt Costa Gomes die politische Tugend der Geduld. Schweigend wartete er ab, bis die Radikalen den Bogen überspannt und die Gemäßigten sich zur Gegenwehr aufgerafft hatten. Was der „grauen Eminenz“, dem behutsamen Vermittler hinter den Kulissen oft als Schwäche oder Versagen angekreidet worden war, dieses britische „wait and see“, erwies sich jetzt als Stärke. Autorität, Rcjpekt und – oft widerwillig gezollte – Anerkennung in allen Lagern machten Costa Gomes zum ungeliebten, doch unentbehrlichen Schlichter.

Dem heute sechzigjährigen Präsidenten, der als Junta-Vorsitzender, Mitglied des Staatsrats und der MFA („Bewegung der Streitkräfte“), als Generalstabschef und Oberbefehlshaber die denkbar größte Machtfülle besitzt, ist diese Rolle auf den Leib geschneidert. Seit fünfzig Jahren – er trat als Zehnjähriger in die Kadettenanstalt ein – zählt er trotz einer erstaunlichen Karriere eher zu den Männern des zweiten Glieds: ein disziplinierter, intelligenter Marin mit klar umrissenen Vorstellungen und einem eisernen Willen; ein großer Schweiger (wozu ein kleiner Sprachfehler beigetragen hat), dem deswegen vieles zugetraut wurde, im Guten wie im Bösen; nicht beliebt – dazu war er zu kühl und tüchtig; nicht gefürchtet – dazu bewahrte er stets zuviel Distanz: ein untypischer Offizier, zumal in der portugiesischen Armee. Welcher Hauptmann hat im Alter von 30 Jahren noch mit „summa cum laude“ in Mathematik promoviert?

Dieser unscheinbare Zivilist in Uniform – wie Spinola Kavallerieoffizier – war für das Regime stets unentbehrlich: von 1949 bis 1951 Stabschef in Macao, 1954 bis 1956 im Nato-Hauptquartier, 1965 bis 1969 erst Stellvertreter, dann Kommandeur in Moçambique, 1969 bis 1972 Oberbefehlshaber in Angola, dazwischen immer wieder Stabsoffizier und Lehrer an Kriegsschulen. Costa Gomes überstand sogar seine offenkundige Verwicklung in die Meuterei der Garnison Beja 1961 – vielleicht, so argwöhnten jüngere MFA-Offiziere, weil jederzeit klar war, daß er nie auf der Seite der Verlierer stehen würde.

Dieser Vorwurf verwechselt Weitsicht mit Opportunismus. Als Costa Gomes im September 1972 Chef des Generalstabs wurde – sein, Vertreter war Antonio de Spinola, Portugals erster Präsident nach dem Militärputsch vom 25. April 1974 –, unterstützte er die Forderungen der jungen Truppenoffiziere nach besserer Besoldung und schnellerer Beförderung; er hielt zu ihnen, als sich diese Bewegung politisierte; er deckte seinen Freund Spinola, der mit dem Bestseller „Portugal und die Zukunft“ das Ende des Caetano-Regimes einläutete, und ließ sich im März 1974 gelassen in den Ruhestand schicken.