Woran liegt es eigentlich, daß eine für uns alle so entscheidende Frage, ob wir demnächst viel zu viele oder viel zuwenig Lehrer haben werden, im Grunde nur Lehrer aufregt und Lehramts-Studenten und einige Eltern, die schlechte Erfahrungen gemacht haben?

Es liegt 1. am „demnächst“. Wir leben in einer hektischen Zeit mit kurzen Spannungsbögen. Leute, die es ernstlich bewegt, was 1985 passieren wird, sind rar.

Es liegt 2. an einem allmählich doch erwachenden Mißtrauen gegenüber statistischen Zahlen. Offenbar läßt sich mit Zahlen alles beweisen.

Und das liegt 3. an Interessengruppen, die nun in der Tat Zahlen nicht ansehen, um dadurch Aufschlüsse zu gewinnen, sondern Zahlen verwenden, um damit etwas zu beweisen.

Es gehört vermutlich zu den Pflichten eines Gewerkschaftsvorsitzenden, daß er (wie Erich Frister auf Seite 18) alles irgend verfügbare Zahlenmaterial verwendet, um die Auffassungen der von ihm Vertretenen zu stützen. Dabei ergeben sich bezeichnende Unterschiede: Ärzte-Funktionäre lesen aus der Statistik immer heraus, daß es zu viele Ärzte gibt; Lehrer-Funktionäre beweisen mit der Statistik immer, es gebe zuwenig Lehrer.

Theoretisch könnte das an den Zahlen liegen. Praktisch liegt es an den verschiedenen Interessenlagen: Wenn mehr Ärzte sich in den gleichen Patienten-Kuchen teilen, bekommt jeder ein kleineres Stück. Das Stück, das ein Lehrer bekommt, ist durch Besoldungsordnung festgelegt; es bleibt dann nichts anderes übrig, als den Bäcker Staat zu zwingen, daß er den Kuchen immer größer macht.

Erich Frister und diejenigen, für die er spricht, sehen besorgt, daß befriedigende Schulverhältnisse, wie der Bildungsgesamtplan sie verspricht, noch kaum irgendwo verwirklicht sind – obwohl es bereits arbeitslose Lehrer gibt. Sie glauben, man müsse über das Ziel hinausschießen, um am Ende nicht allzu kurz zu liegen. Das mag als Taktik richtig sein.