Von Marion Gräfin Dönhoff

Die neuen Agrarpreise, über die die Landwirtschaftsminister sich in Brüssel geeinigt haben, werden wohl die letzten gemeinsamen Preisbeschlüsse in der Geschichte des „Grünen Europas“ gewesen sein. So kann es einfach nicht weitergehen. Das Gestrüpp von Auf- und Abwertungszuschlägen, von Interventionspreisen, Richtpreisen und Orientierungspreisen ist so undurchdringlich geworden, daß kaum noch jemand die Konsequenzen der Maßnahmen übersieht, die da getroffen werden.

Wenn alle Mitglieder des Brüsseler Apparates wie im Märchen vom Dornröschen plötzlich in Tiefschlaf verfielen, könnte niemand mehr an ihre Stelle treten, um die Knöpfe und Hebel zu bedienen. Der ursprüngliche Plan, nach dem die Funktionäre einst antraten, ist längst außer Kraft gesetzt worden. Das Flickwerk, das nach und nach an seine Stelle getreten ist, enthält keine innere Logik mehr.

Vor zehn Jahren war Europa dem Ziel eines einheitlichen Agrarpreissystems weit näher als heute, wo aus nationalen Interessen die gegenwärtigen Preisdifferenzen in den Mitgliedstaaten mit komplizierten monetären Manipulationen verewigt worden sind. Heute gibt es genauso viele divergierende Preise wie vor den Römischen Verträgen, nur daß sie sich nicht mehr frei am Markt bilden, sondern mit dem Rechenschieber errechnet werden. Und mit dem Unterschied auch, daß die Kosten dieser „Marktordnung“ im Jahre 1974 rund 14 Milliarden Mark betragen haben, von denen die Bundesrepublik rund 30 Prozent bestreiten muß.

Zu einem immer größeren Hindernis auf dem Weg zum gemeinsamen Agrarmarkt ist der Umstand geworden, daß es keine gemeinsame Währung gibt. Zur Zeit der festen Wechselkurse hatte man sich darauf geeinigt, den Feingoldgehalt des Dollars als gemeinsames Bezugssystem anzusehen. Eine „Rechnungseinheit“ entsprach damals 4 Mark, nach der Aufwertung der Mark waren es dann noch 3,66 Mark. Als aber der Dollar sich vom Gold löste, wurde die Rechnungseinheit immer fiktiver, und als schließlich die verschiedenartigen nationalen Wirtschaftsmaßnahmen und die freien Wechselkurse zu ganz unterschiedlichen Inflationsraten führten, war die Idee der Rechnungseinheit ad absurdum geführt. Diesmal haben die Landwirtschaftsminister die Dänenkrone als Bezugssystem genommen. Begründung: sie sei die einzige Währung, die weder Aufwertungen noch Abwertungen erfahren habe – ausgerechnet die Währung eines Landes also, die nur durch ständige Stützungen aufrechterhalten wird!

Die Krise des Agrarmarktes der Europäischen Gemeinschaft beruht auf zwei Fehlern; die in die Zeit der ersten Anfänge zurückgehen.

Fehler Nr. 1: Die Römischen Verträge, die ein ineinandergreifendes Vertragswerk darstellen, sind von Anbeginn ungleichmäßig entwickelt worden, weil de Gaulle mit der ihm eigenen Härte die Interessen Frankreichs durchzusetzen wußte, seine Partner aber so schwach waren, daß sie ihn daran nicht zu hindern vermochten. So wurde der Agrarmarkt – de Gaulles Lieblingskind – rasch und stark vorangetrieben; die Zollunion wurde in normalem Tempo entwickelt; in allen anderen Bereichen aber trat der General rücksichtslos auf die Bremse. Es war vorauszusehen, daß die auf solche Weise bei der Verwirklichung des Vertragswerkes entstandene Verzerrung sich eines Tages bitter rächen würde.