Von Erich Frister

Erich Frister ist Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)

Der Leiter der Gruppe Planung im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft, Dirk Beckerhoff, unterstellt, es werde schon bald zu viele Lehrer geben; und er zieht daraus den Schluß, es müßten weniger Lehrer als bisher ausgebildet werden. Diese These wird dann sozial verbrämt: man wolle schließlich keine arbeitslosen Akademiker.

Die Personalfrage ist immer noch ein Schlüsselproblem der Bildungsreform. Mehr und besser ausgebildete Lehrer sind die Voraussetzung für eine bessere Schulausbildung; diese wiederum ist das Grundkapital der abhängig Beschäftigten, ihre Minimalchance, strukturelle und konjunkturelle Krisen auf dem Arbeitsmarkt durchzustehen.

Jede Diskussion des vermeintlichen Lehrerüberschusses muß mit einer genauen Bestandsaufnahme der Lehr- und Lernsituation an den Schulen beginnen. Unbestreitbar sind in den zurückliegenden Jahren-, gewaltige Anstrengungen unternommen worden. Aber immer noch fehlt ein ausreichendes Angebot an Kindergärten oder Vorschuleinrichtungen; noch immer lernen die kleinsten Kinder, in den größten Klassen, gibt es Tausende von Klassen mit mehr als 40 Kindern; die Ganztagsschule ist weitgehend aus den Reformprogrammen gestrichen; die Schulen sind weit davon entfernt, den besonderen Bedürfnissen ausländischer Kinder entsprechen zu können; die Zahl der Jungarbeiter, die ohne Abschluß die Sonder- und Hauptschulen verlassen und als Ungelernte auf dem Arbeitsmarkt hin- und hergeschoben werden, nimmt zu; bei rund 30prozentigem Unterrichtsausfall kann die Berufsschule den Anforderungen an die Berufsausbildung nicht gerecht werden.

Eltern und Lehrer, wir alle wissen längst, daß diese Probleme nicht unabwendbares Schicksal sind, sondern behoben werden können – nicht auf einmal, aber in einzelnen Schritten. Obligatorische Vorschulerziehung, Senkung der Klassengrößen, Einführung eines 10. allgemeinbildenden Schuljahres für alle Kinder; das Berufsgrundbildungsjahr, mindestens zwölf Unterrichtsstunden pro Woche an den Berufsschulen, institutionalisierte Lehrerfortbildung – dies alles sind lediglich Beispiele für Chancen, die unsere Gesellschaft für ihre eigene Weiterentwicklung hat, die die Bildungsplanung aber offensichtlich nicht ergreifen will. Sie, stellt sich außerhalb des Verfassungsauftrags nach Errichtung einer sozialen Demokratie, wenn sie derart notwendige Verbesserungen als „extreme Wünsche“ diffamiert.

Das Gerede von der Lehrerschwemme bläst also nur Nebel über die zugrundeliegenden gesellschaftlichen Konflikte und verbirgt die Frage: Wieviel Ausbildung wollen wir uns leisten? Sichere Arbeitsplätze, humanere Arbeitsbedingungen, sozialere Lebensverhältnisse, mehr Selbst- und Mitbestimmung verlangen ein quantitatives und qualitatives Wachsen unseres Bildungswesens. Dafür brauchen wir auch mehr und besser ausgebildete Lehrer.