ARD, Sonntag, 16. Februar: „Lebensgeschichte als Zeitgeschichte – Hans Habe“ von Istvan Bury und Jens Litten.

Erwartet hatte ich eigentlich etwas ganz anderes: schöne Attacken und böse Polemiken gegen den bundesdeutschen Zeitgeist, gegen den sich ja dies und das sagen ließe. Ein Konservativer, oft attackiert, nützt die Gelegenheit und schlägt selber in giftigen Etüden geistvoll zurück. Also eine Sendung, die ärgerlich funkelte, wenn auch von rechts.

Aber wahrscheinlich hat es diesen Hans Habe nie gegeben? Ist dieser brillante Polemiker vielleicht nur eine Feindbilderfindung unser Linken? Der Autorenfilm, den Istvan Bury und Jens Litten präsentierten, zeigte den mattesten, mildesten und mittelmäßigsten Hans Habe, den es je gab. Wir sahen das Bild eines bemerkenswert belanglosen Erfolgsschriftstellers, im Tessin ja kein Einzelfall, keine Rarität. War er das wirklich? Wenn ja, ist schwer darüber reden. Gegen Lametta, bekanntlich der schönste Schmuck am deutschen Weihnachtsbaum, läßt sich schwer etwas einwenden, es hängt eben so am Baum.

Oder hatte er nur seinen elegischen Tag, war er vielleicht indisponiert, wie Künstler vor großen Auftritten öfter? Habe in seiner wunderschönen Traumvilla in Ascona, mal im Sessel sitzend, mal am Schreibtisch, nachdenkend, Habe durch seinen herrlichen Garten schreitend zum Swimming-pool oder zur Hollywoodschaukel, Habe in Wien, seiner schweren Jugend gedenkend, Habe wieder zu Hause, Grundsätzliches über den Kommunismus äußernd, Habe schließlich in Venedig, über Verfall und Untergang meditierend – das alles war nicht in jedem Satz falsch, es war schlimmer, es wirkte wie aus einer Modeboutique für Zeitgeist geliefert: Konfektionsware, also seicht, halbseiden, mies. Oder ob es am Interviewer Jens Litten lag, der mit pseudoprovokativen Fragen eine pseudokritische Distanz vortäuschte, die doch im Grund auf einfältige Kumpanei, ja stille Bewunderung hinauslief?

Trotzdem, fast jede Szene war hier Entlarvung, Selbstentlarvung. Der Gag mit den drei LLL zum Beispiel: Literatur Leistung Luxus, drei Ls, die nach Habes Sozialphilosophie auf das sinnvollste zueinander gehören und sich in einer wahrhaft gerechten Welt auch finden, bei ihm zum Beispiel. Nur wie die Kamera dann diesen Luxus präsentierte und liebevoll abtastete, erschrak man doch etwas. Welch ein ungeheurer Ramschladen abscheulicher Geschmacklosigkeit: alles Nippes, Talmi, Chichi. Ich meine, so wohnt eigentlich kein Herr, so wohnt eher ein Geck, ein Parvenü – man muß unsere Konservativen in Düsseldorf hier in Schutz nehmen. Als das Gespräch auf Frauen kam, wurde der Dichter kurzfristig geistvoller, doch lassen wir das: Das ist seine Sache.

Und die Politik? Was er hier schließlich in Sachen Kommunismus und Sozialismus zum besten gab, war von einer ganz unerwarteten Dürftigkeit und hilflosen Undifferenziertheit, die man bei ihm eigentlich nicht erwartete. Dagegen war ja Franz Josef Strauß bei seiner Aschermittwochspredigt jüngst noch ein Meister glanzvoller politischer Polemik. Ich frage noch einmal, war er vielleicht doch indisponiert – in Antikommunismus?

Immerhin gelegentlich gab es elegische Selbstbekenntnisse, die mir im Ohr blieben, manches hatte schon biblische Größe und Einfachheit: „Ich sehe die Finsternis“, sagte er einmal, „und glaube an das Licht“, na bitte. „Ich bin wie ein Baum, der wächst und wächst und längst keine Wurzeln mehr hat.“ Man sah, wie es rilkeschlank mit ihm aufwärtsging. Und seine Tätigkeit gegen Hitler-Deutschland beschrieb er fast im Wiechert-Ton: er habe „in die Furchen der Zeit die Tat gesät“, und so ging das weiter: alles Kitsch und Glamour, falscher Glanz nicht nur von innen, auch von außen. Was soll man schließlich gegen einen Autor sagen, der zu seinen Ahnherren Augustinus und Rousseau, Stifter und Fontane zählt: ein stiller Glanz von innen.

Jens Litten konnte nicht aufhören, von Zeit zu Zeit über die Auflagenhöhe von Habes Büchern in Staunen auszubrechen und wunderliche Fragen daran zu knüpfen. Mir scheint hier gar nichts wunderlich, was ist da erstaunlich? Wir sahen auch keine „Lebensgeschichte als Zeitgeschichte“, wie der Saarländische Rundfunk diese Reihe nennt. Das Zeitpanorama, immerhin Hitlers Zeit, blieb merkwürdig blaß und flach; die Zeit wirkte hier wie eine Pappkulisse, vor der das viel wichtigere Thema spielte: Hans Habe persönlich, ein Jahrhundertstoff sozusagen. In Wirklichkeit sahen wir nur den schmissigsten Salonschriftsteller, den wir heute haben, im kultiviertesten Sinne, den es je gab. Wie sollte sich das nicht auszahlen beim kaufenden Publikum? Ei, sind Sie denn so tumb, Herr Litten? Er sieht doch die Finsternis, er glaubt an das Licht. Was willst du denn mehr, mein Leserherz? Horst Krüger