Ihre Theorien über die deutsche Nation hat die SED schon oft geändert, aber selten ist sie zu so gequälten Schlußfolgerungen gekommen wie jetzt. Die Nationen-Theorie der DDR ist immer eine Folge ihrer politischen Ziele gewesen.

Solange die SED noch mit dem Gedanken spielte, über eine Konföderation beider deutscher Staaten zu einem kommunistischen oder zumindest kommunistisch stark beeinflußten Gesamtdeutschland zu kommen, hielt sie an dem einheitlichen Nationen begriff fest. Bis 1967 betrachtete sich die DDR-Führung als "wahre Interessenvertreterin des deutschen Volkes", sprach von den "beiden Staaten deutscher Nation" und erklärte, Westdeutschland sei für sie kein Ausland. Noch in der Präambel zur Verfassung der DDR von 1968 war von der Verantwortung für die ganze deutsche Nation die Rede; in Artikel 1 bezeichnete sich die DDR als "sozialistischer Staat deutscher Nation".

Mit dem Beginn einer aufgeschlosseneren Deutschland-Politik der Großen Koalition und später der Regierung Brandt mußte die SED jedoch fürchten, daß in ihrem Staat längst begrabene Wiedervereinigungshcffnungen wiederbelebt werden. Deshalb mußte das Staatsvolk der DDR von dem der Bundesrepublik separiert werden.

So entsannen sich die Ideologen der stalinschen These, daß die bürgerliche Nation mit dem Sturz des Kapitalismus von der sozialistischen Nation abgelöst wird. In der DDR, so wurde unter anderem auf dem VIII. Parteitag der SED 1971 erklärt, habe s.ch mit der Errichtung der Arbeiter-und-Bauern-Macht ein neuer Typus der Nation, die sozialistische Nation entwickelt. In der Bundesrepublik dagegen bestehe die bürgerliche Nation weiter, mit all ihren Klassenwidersprüchen zwischen Bourgeoisie und werktätigen Massen.

Zwischen der alten kapitalistischen und der neuen sozialistischen Nation gebe es keine Klammer, hieß es weiter. Alle Gemeinsamkeiten wie Sprache, Sitten, Kultur und Geschichte wurden als unbedeutend abgetan. Entscheidend für die Bildung der sozialistischen Nation seien allein die sozialistische Revolution, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, die Beseitigung der kapitalistischen Ausbeutung und die Umwälzungen in Ideologie und Kultur.

Diese Theorie wurde dann im Oktober 1974 auch in die DDR-Verfassung geschrieben. Das Volk der DDR, heißt es heute, habe sein Recht auf staatliche und nationale Selbstbestimmung verwirklicht. Die DDR sei ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern.

Die Folge waren offenbar zahlreiche Fragen an Zeitungen und Funktionäre, ob die DDR-Bürger nun keine Deutschen mehr seien. Schon im November 1974 hatte der Kommentator Karl-Eduard von Schnitzler erklärt, es könne keine Zugehörigkeit zu einer deutschen Nation geben, weil diese Nation nicht, mehr existiere. Aber daraus könne man nicht ableiten, daß die DDR-Bürger keine Deutschen mehr seien. "Wir sind stolz darauf, Deutsche zu sein. Alle guten Traditionen der deutschen Geschichte sind bei uns zu Hause."